Christa Wolf, Sebastian Fitzek, Paulo Coelho, … und Denis Scheck

Allgemein

Der Literaturkritiker Denis Scheck hat beim SWR 2, also im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, eine neue Reihe etabliert. Sie nennt sich nach dem Kritiker „Schecks Anti-Kanon“, und das Ziel besteht darin, die schlechtesten Bücher der Weltliteratur zu präsentieren. Begonnen wird die Reihe mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“! Es folgen Paul Coelho „Der Alchimist“, Sebastian Fitzeks „Passagier 23“, Christa Wolfs „Kassandra“, Johannes R. Bechers „Danksagung“, Stefan Georges „Das neue Reich“ und Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“.

Wer eine „Reihe“ aufmacht, sieht Gemeinsamkeiten und das, was man ein teritum comparationis nennt. Erfolgreiche und zur Weltliteratur gehörende Autorinnen und Autoren werden mithin in eine „Reihe“ mit Adolf Hitler gestellt.

Scheck, der mit einem weißen Anzug und mit einer weißen Krawatte bekleidet ist, beendet seine Präsentation mit einem Bannstrahl, der an Harry-Potter-Inszenierungen oder Star Wars ebenso erinnert wie an Bücherverbrennungen!

Der Autor Jakob Hein und die Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Matthias Lorenz und Prof. Dr. Carsten Gansel haben sich – wie andere Leserinnen und Leser auch –  zu Schecks „Anti-Kanon“ und seiner Machart geäußert.

von Jakob Hein

Keine Ahnung, ob Denis Scheck zu Scham befähigt ist. Jedenfalls ist ihm als Buchzensor am wichtigsten, seine Opfer zu vernichten, in den Abgrund zu stoßen und – ganz aktuell – den Flammen zu übereignen. Die 200 Jahre alte Anleitung für Kritiker hat er jedenfalls nicht gelesen oder zumindest nicht verstanden: „Was hat sich der Autor vorgesetzt? Ist dieser Vorsatz vernünftig und verständig? Und in wie fern ist es gelungen, ihn auszuführen?“ Über Bücher fährt er hinweg mit dem Bulldozer seiner Vorurteile. Humorvolle Bücher findet er prinzipiell schlecht, weil sie ihn schmerzhaft daran erinnern, dass er selbst keinen Humor hat (wie alle humorlosen Deutschen geht er darum davon aus, einen feinen, eher britischen Sinn für Humor sein eigen zu nennen – einer der wenig berichteten Gründe für den Brexit), Krimis findet er prinzipiell schlecht und auch alle anderen Bücher, die viele Menschen lesen. In einer Zeit der zunehmenden Übermacht des Digitalen über das geschriebene und gedruckte Wort, ist der prominenste Vertreter des letzteren ein Typ aus dem vorigen Jahrhundert, der nicht etwa den Menschen das Lesen als Riesenvergnügen, Zeitreise, Horizonterweiterung, Ausflucht, Lösung nahebringen will, sondern ein unfassbar schlecht angezogener, wenig attraktiver Türsteher, der andere nicht reinlässt, weil sie zu schlecht angezogen und zu wenig attraktiv seien. Was er nicht versteht ist, dass im Club zu wenige Gäste sind und sich alle darüber freuen, wenn mehr kommen.Sein Qualitätskriterium ist er selbst. Wer ihm auf einem Pferd oder zu Fuß in den Arsch kriechen darf, bekommt die Gunst seines Nickens geschenkt, sonst ereilt einen der Blitz seiner Vernichtung.Von Anfang an hatte er in seinen Sendungen eine Büchervernichtungs-Rubrik. Anfangs hat er Bücher, die er nicht gelesen haben konnte (zumindest nicht nach dem Goethe-Diktum) öffentlich in den Mülleimer geschmissen. Heute zieht er arme, unschuldige Bücher aus dem Regal, vernichtet sie in ekelhaftester Denunziatoren-Manier (jeder Text enthält Stellen, die – „richtig“ vorgelesen und aus dem Zusammenhang gerissen – lächerlich klingen) und übergibt sie anschließend der Flamme seiner göttlichen Hand. Anlässlich des Wegwerfens gab es schon heftige Kritik, aber es wurde argumentiert, er verbrenne ja nicht und ein paar schlechte Rezensionen müsste man doch auch mal verkraften. Wir anderen sollen wie in einer Diktatur feixend zusehen in der flehentlichen Hoffnung, dass es uns nicht beim nächsten Mal treffen möge.Gab es einen aktuellen Diskurs zu Sebastian Fitzek oder Paulo Coelho, an dem Scheck mit seinen Beiträgen teilnimmt? Es wird Sebastian Fitzek sicher sehr erstaunen, dass sein Erfolgsbuch „Passagier 23“ zu den „Schlechtesten Büchern der Weltgeschichte“ zählen soll. Sicher wusste Sebastian bisher gar nicht, dass „Passagier 23“ überhaupt dort seinen Platz hat. Aber darum geht es Denis Scheck natürlich gar nicht. Ihm geht es um die Inszenierung seiner eigenen lächerlichen Person. Nicht nur weiß er es von allen am besten, andere Leserinnen und Leser irren sich in ihren Vorlieben. „Das hat Ihnen gefallen? Falsch!“Da passt es bestens, dass auch das von vielen geliebte Buch „Kassandra“ von Christa Wolf mit aufgenommen wird in seinen „Anti-Kanon“. Auch mag Johannes R. Becher der SA 1933 ins Exil entkommen sein, dem schamlosen Scheck entkommt er nicht. All diese Autorinnen und Autoren stellt er doch tatsächlich in ein Regal mit Hitlers „Mein Kampf“.Beziehungsweise lässt er all diese Bücher öffentlich im deutschen Fernsehen in Flammen und Rauch aufgehen. Wo sollte das Problem liegen?

von Prof. Dr. Matthias Lorenz (Universität Hannover, Deutsches Seminar)

von Prof. Dr. Carsten Gansel, Universität Gießen

Der Bücherverbrenner oder Denis Scheck und die Anti-Literaturkritik

Der Literaturkritiker Denis Scheck hat beim SWR 2, also im Öffentlich-Rechtlichen, eine neue Reihe etabliert. Sie nennt sich nach dem Kritiker „Schecks Anti-Kanon“, und das Ziel besteht darin, die schlechtesten Bücher der Weltliteratur zu präsentieren, mithin vor einer Lektüre zu warnen. Eine „Warnung vor Büchern“ hat auch der grandiose Erzähler Hans Fallada einmal ausgesprochen. Das kürzlich im Archiv aufgefundene zweiseitige Typoskript, das den Titel einer gerade erschienenen Sammlung abgibt, ist allerdings ironisch gemeint und das genaue Gegenteil einer Warnung, es ist ein Plädoyer für die Unersetzbarkeit von Literatur. Aber vielleicht ist auch der Ansatz von Denis Scheck ein ironischer, zumal der SWR in der Anmoderation versichert, das Format solle die „Liebe zur Literatur“ fördern und eine „Diskussion über Bücher“ möglich machen. Allerdings wird der interessierte Zuschauer mit der Eröffnung des Formats erkennen müssen: Das ist ernst gemeint! Denn: Begonnen wird die Reihe mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“! – Es folgen Paul Coelho „Der Alchimist“, Sebastian Fitzeks „Passagier 23“, Christa Wolfs „Kassandra“, Johannes R. Bechers „Danksagung“, Stefan Georges „Das neue Reich“ und Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“. Wer so eine „Reihe“ aufmacht, sieht Gemeinsamkeiten und das, was man ein tertium comparationis nennt, ein Vergleichsmaß! Erfolgreiche und zur Weltliteratur gehörende Autorinnen und Autoren werden mithin in eine „Reihe“ mit Adolf Hitler gestellt!? Denis Scheck, mit einem weißen Anzug und einer weißen Krawatte bekleidet, beendet jede Buch-Vernichtung mit einem Bannstrahl, der an Harry-Potter-Inszenierungen oder Star Wars ebenso erinnert wie an Bücherverbrennungen! Inzwischen hat der SWR die Hitlers „Mein Kampf“ gewidmete Eröffnung „offline gestellt“, man kann sie also nicht mehr sehen. Gleichwohl muss angesichts des vielgepriesenen Bildungsauftrages erstaunen, wie hier öffentlich-finanzierte Mittel in Zerstörungsorgien investiert werden. Man erwartete das Gegenteil, nämlich Hinweise darauf, welche Autoren und Bücher, welche Verse, Theaterstücke und Filme überdauern und im kollektiven Gedächtnis einen Platz finden sollen. Die Frage nach dem „Was bleibt“ ist – wie man es auch wendet – eine nach dem Kanon, nach einer Textmenge, nach einem Korpus maßgeblicher, bedeutungsvoller Werke. An den so ausgewählten Texten lassen sich Gesellschaftsdeutungen, Wirklichkeitserfahrungen, Gefühle, Visionen von Generationen festmachen, und sie ermöglichen das Gespräch von Menschen, sie fördern Kommunikation, sie erzeugen und sind Ausdruck von Werten. Insofern hat die Verständigung über einen Kanon Bedeutung für die kollektive Identität einer Gesellschaft, für Wertvermittlung, für Sinnentwürfe wie die Identität des einzelnen. Die von fehlendem Wissen geladene Aussage eines Journalisten in einem überregionalen Blatt, die „Idee des Kanons“ sei „in atomisierten Gesellschaften anerkanntermaßen obsolet“ ist ebenso fragwürdig, wie sein Hinweis, hier würden nur jene eine Bücherverbrennung sehen, die „ihren falschen Hals nie vollkriegen“. Schuld sind wieder einmal die Zuschauer! Man kann dem Journalisten wie auch Denis Scheck einen Blick auf die Lektürelisten der Gymnasien in der Bundesrepublik empfehlen. Dort finden sich von Christa Wolf neben „Kassandra“, jenem Text, den Denis Scheck flammend entsorgt, auch „Nachdenken über Christa T.“ und „Kein Ort. Nirgends“.

Aber was sind das eigentlich für Auswahlkriterien? Welche literarischen Maßstäbe gelten? Bei Denis Scheck und bei jenen, die einen Kanon aufstellen. Einigkeit dürfte darüber herrschen, dass es gibt keine absoluten und überzeitlichen Werte und Normen gibt. Die Gültigkeit von Wertungskriterien ist immer Ergebnis einer bestimmten Setzung, einer gemeinschaftlichen Verständigung, einer Vereinbarung. Aber was ist die Vereinbarung von Denis Scheck? Von Christa Wolf weiß er zu berichten, dass die Leser nichts zu lachen hätten, denn diese Autorin „male mit schwarzem Pinsel auf schwarzem Grund“. Noch schlimmer wiege die nicht vorhandene Fähigkeit, „sich zu amüsieren“. Raunend heißt es: „Ernst ist der Grundton ihrer Literatur, stets und nur ernst, bitter ernst“. Wäre nicht nur in diesem Fall der Gedanke angebracht, dass Literatur in irgendeiner Weise mit der Welt zusammenhängt, in die sie gestellt ist? Eben darum hat Literatur etwa im 20. Jahrhundert von Leid, von Kriegen, von Vernichtung und nicht zuletzt dem industriell betriebenen Massenmord, dem Holocaust erzählen müssen! In Paul Celans „Todesfuge“, einem der eindringlichsten Gedichte in deutscher Sprache, findet sich mehrfach der Satz: „der „Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Und Christa Wolfs „Kassandra“ erschien 1983 in einer Zeit, da vom „Gleichgewicht des Schreckens“ die Rede war und in den beiden Lagern, Ost und West, aufgerüstet wurde. Denis Scheck löst „Kassandra“ aus den historischen Kontexten, er ignoriert die „Voraussetzungen einer Erzählung“, nämlich die 1982 gehaltenen Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Geschichtslosigkeit könnte man das nennen. Statt dessen werden Zitate der Figur Kassandra herausgegriffen und Christa Wolf in den Mund gelegt, um Humorlosigkeit und nicht hinreichende Selbstreflexivität konstatieren zu können. Dass Christa Wolf wohl mit Abstand jene Autorin ist, die seit „Nachdenken über Christa T.“ (1967) immer wieder bohrend auch den eigenen „blinden Flecken“ erzählerisch auf den Grund gegangen ist, muss in einem so auf Zerstörung ausgerichteten Konzept, ignoriert werden. Das Prinzip nach dem Denis Scheck verfährt, lässt sich mit Stephen King beschreiben. Der hat als die unterste Ebene seines Horrorkonzepts das „Niederknüppeln“ bezeichnet. Letztlich führt Denis Scheck mit seinem Anti-Kanon etwas vor, was für Schreibschulen und Universitätsseminare in Zukunft genutzt werden kann. Er zeigt, was Literaturkritik um ihrer Existenz willen genau nicht machen sollte: Auf billige Effekte zielen, sich zum gottgleichen Bewerter stilisieren, Hybris entfalten, Perspektivenübernahme und Empahie ausschalten, ahistorisch agieren. Insofern handelt es sich um Anti-Literaturkritik. Aber möglicherweise ist genau das auch das Ziel von SWR und Denis Scheck.

Die Quelle: Nordkurier, Neubrandenburg. Dienstag, 20. Juli 2021, Seite 18.

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