Wie der Zufall es will oder die „Tricks der Erinnerung“

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Carsten Gansel

Wie der Zufall es will oder die „Tricks der Erinnerung“

vom 02. Juli 2020

Kurz bevor das Reisen durch die aus der Normalität gefallenen Zustände ab Mitte März zeitweise nicht mehr möglich wurde, war ich bei Gitta Lindemann im Mecklenburgischen. Es ging uns um einen Nachlasstext von Werner Lindemann, den wir im Herbst beim Okapi Verlag (Berlin) herausbringen werden. „Beichte. Ein Lebensbericht“, so heißt der Titel. Werner Lindemann war in der DDR ein bekannter Kinderbuchautor, der vor allem durch seine Lyrik für Kinder einen großen Leserkreis erreichte. Aufgewachsen ist er im Gutsdorf Altjeßnitz bei Wolfen. Noch als Siebzehnjähriger musste er im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Die Erfahrung an Krieg und Nachkrieg haben ihn geprägt und die Erinnerungen daran nie losgelassen. Dem Buch werden wir ein Gespräch beigeben. Nicht zuletzt deshalb, weil es in der Gegenwart nicht ganz so einfach ist, die Anfänge in Ost und West nach 1945 zu erinnern. Auch deshalb nicht, weil schlichte Bewertungen die damalige „wirkliche Wirklichkeit“ überdecken und verstellen. Natürlich sprachen wir auch über die sogenannte Künstlerkolonie, die Mitte der 1970er Jahre in Drispeth und Alt-Meteln entstanden war. Da werden noch heute Namen genannt wie Christa und Gerhard Wolf, Daniela Dahn und Joochen Laabs, Helga Schubert, Joachim Seyppel oder Wolf Spillner. Auch Gitta und Werner Lindemann gehörten dazu, sie hatten in Drispeth ein baufälliges Haus bezogen, das ansonsten abgerissen worden wäre. Allerdings, so schränkte Gitta Lindemann ein, würden sich eigentlich die meisten, die es betrifft, dagegen wehren, dass aus diesen Häusern eine Künstlerkolonie gemacht wird. „Einfach deshalb, weil die Schriftsteller und Künstler, die dort lebten, keine gemeinsamen Projekte hatten. Ja, die haben sich besucht, manche mehr, manche weniger, aber unter Künstlerkolonie stellt man sich ja etwas anderes vor, dass man gemeinsam arbeitet, dass man zusammen etwas entwickelt oder eine Idee, ein Konzept, umgesetzt wird. Das war hier nicht der Fall.“

Und natürlich verwies Gitta Lindemann auf Christa Wolfs „Sommerstück“. Dort könne man ein wenig darüber erfahren, wie das damals, in den 1970er Jahren war, das „Landleben für Städter“. Der landläufigen Meinung, die da von manchen rückwirkend konstruiert wird, hier hätten sich lauter Dissidenten getroffen, mochte Gitta Lindemann nicht folgen. Werner Lindemann jedenfalls sei „ein starker Befürworter dieses Staates gewesen, weil, ohne diesen Staat wäre er nicht das geworden, was er war. Und er ist dankbar gewesen. Aber er hätte es gern anders gehabt. Er wollte es nicht so haben, wie die DDR war, und das Bestreben, man könnte es vielleicht doch noch hinbekommen, das war immer da, bis zum Schluss.“ Werner Lindemann war wohl nicht der einzige. Nicht zuletzt aus jener Generation, die noch im Dritten Reich, in Nazi-Deutschland, groß geworden waren und die Anfänge in der DDR erlebten und mitgestalteten.

Als ich wieder zu Haus war, suchte ich nach einigen Büchern von jenen, die es in den 1970er Jahren nach Mecklenburg gezogen hatte. Ich fand sofort Christa Wolfs „Sommerstück“ und Helga Schuberts Geschichten-Band „Blickwinkel“, die beide im Aufbau Verlag erschienen waren. Spannend! Und da wir über das Dritte Reich, über Krieg und Nachkrieg gesprochen hatten, erinnerte ich mich an eine Rede von Christa Wolf, die neben der „Laudatio für Thomas Brasch“ auf gar keinen Fall im „Christa-Wolf-Arbeitsbuch“ erscheinen sollte, so hatte es der Verantwortliche im Aufbau Verlag zunächst verfügt. Das Materialbuch, das eine lange Entstehungsgeschichte hatte, war ein für die damalige Zeit einzigartiges Unternehmen, weil sich erstmals Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ost und West gemeinsam dem Werk einer Autorin näherten. Der Band erschien 1989 – mit beiden Reden! Also auch mit Christa Wolfs „Dankrede für den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München“.

Von Gitte Lindemann kommend, las ich die Rede erneut, zum einen, weil ich prüfen wollte, ob ich eine Stelle noch richtig im Gedächtnis hatte und zum anderen deshalb, weil ich Christa Wolf nach eben dieser Stelle 2010 im Gespräch gefragt hatte. Ich erinnerte den Wortlaut richtig. Christa Wolf hatte im November 1987 sich den eigenen „blinden Flecken“ wie sonst kaum jemand stellend, Folgendes gesagt:

„ Mir scheint, daß vielen Angehörigen meiner Generation – unterschiedlich ausgeformt je nach den unterschiedlichen Angeboten und Zwängen in Ost und West – von ihren frühen Prägungen her der Hang zur Ein- und Unterordnung geblieben ist, die Gewohnheit zu funktionieren, Autoritätsgläubigkeit, übereinstimmungssucht, vor allem aber die Angst vor Widerspruch und Widerstand, vor Konflikten mit der Mehrheit und vor dem Ausgeschlossenwerden aus der Gruppe. Es ist uns schwergefallen, erwachsen zu werden. Selbständigkeit, Souveränität zu erwerben und eine im guten Sinn soziale Haltung. Das ist eine Erfahrung, die ich von innen her kenne und die nicht beschrieben ist, eine noch uneingelöste Schreibschuld.“

Fast 25 Jahre später, als Christa Wolf 2010 für den Roman „Stadt der Engel“ den Uwe-Johnson-Preis erhielt, sprachen wir auch über eben diese Stelle aus der „Dankrede für den Geschwister-Scholl-Preis“. Das hatte einen Grund. In „Stadt der Engel“ taucht der Gedanke wieder auf. Eine Figur sagt nämlich zur Ich-Erzählerin: „Du wolltest geliebt werden. Auch von Autoritäten.“ Christa Wolf 2010 danach befragt, antwortete selbst-kritisch so:

„Ich habe das in der DDR bei verschiedenen Generationen beobachtet. Und meine, unsere Generation, hatte einen besonderen Hang, übereinstimmen zu wollen. Dafür gab es nach 1945 und in den ersten Jahren der DDR Gründe. Nach der Nazizeit haben wir das gründlich Andere gesehen und es anerkannt, es angenommen. Das war bei der Generation meiner Kinder schon anders. Obwohl mir schon bewusst war, dass eine Aufgabe für mich selbst, wenn man davon sprechen kann, darin bestehen musste, mich von dieser Autoritätsgläubigkeit zu lösen und mich kritisch zu verhalten. Was gar nicht so leicht ist. Das ist sozusagen ein Selbsterziehungsgang unserer Generation gewesen. Jedenfalls für die, die es wollten. Während unsere Kinder und Kindeskinder ganz andere Ziele für sich formuliert haben und formulieren mussten. Es gibt hoffentlich keine weitere Generation, die drei Gesellschaftsordnungen bei relativer Bewusstheit erleben muss.“

Als ich diese Stelle erneut las, fragte ich mich wieder einmal, ob Christa Wolfs Überlegung einzig auf ihre Generation zu reduzieren ist. Wohl kaum. Sie gilt in der Gegenwart ebenso wie damals. Eine Ost-Erfahrung auf den Punkt gebracht, könnte nämlich so lauten: Zivilcourage und Mainstream schließen einander aus! Und ich überlegte, wer wohl heute vor einem großen und mächtigen Plenum die Zivilcourage aufbringen würde, ganz allein und auf sich gestellt den versammelten Mächtigen zu widersprechen und sich für einen Kollegen, einen Autor, einzusetzen, der im Zentrum einer vernichtenden Kritik stand. Christa Wolf hat es getan. Das war auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, dem sogenannten Kahlschlags-Plenum, und der Autor, um den es ging, das war Werner Bräunig. Natürlich, ein ZK der SED gibt es heute nicht mehr. Aber haben sich damit Konflikte und Widersprüche erledigt, und bedarf es dessen, was man Zivilcourage nennt, nur in ‚geschlossenen Gesellschaften‘?

Einige Monate später, es ist Ende Juni, suchen Gitta Lindemann und ich nach einem Termin für die Premiere von Werner Lindemanns „Die Beichte. Ein Lebensbericht“.  Und wie der Zufall es will, zu eben diesem Zeitpunkt höre ich in den Nachrichten eines Tages, dass Helga Schubert einen Preis erhalten hat, den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es geht mir – wie vermutlich vielen – so, dass ich mich freue für die Autorin. Und ich nehme mir gleich noch mal die Geschichten aus „Blickwinkel“ vor und – wieder ein Zufall – die Rede auf dem X. Schriftstellerkongress in der DDR 1987. Einige Tage später lese ich die eine oder andere Aussage aus Interviews. Nun ja, denke ich ein wenig irritiert, so funktioniert das mit den „Tricks der Erinnerung“, von denen Uwe Johnson in den „Jahrestagen“ gesprochen hat. Seine Person Gesine fürchtet sich nämlich davor, dass sie trotz des Erinnerns blind ist „mit offenen Augen“. Das Gedächtnis, meint sie, „fertigt mir eine Vergangenheit, die ich nicht gelebt habe, macht mich zu einem falschen Menschen, der von sich getrennt ist durch die Tricks der Erinnerung“.

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