Helga Schubert und Gedächtnis 2020

Diskussionen

von Monika Wolting

Seit der Jahrtausendwende sind eine Reihe von Handbüchern entstanden, die sich mit Autorinnen und Autoren aus der DDR beschäftigen (das Brecht-Handbuch von 2001, Heiner-Müller-Handbuch von 2003, Christa-Wolf-Handbuch von 2016, Anna-Seghers-Handbuch von 2020). Dieser Umstand weist darauf hin, dass die DDR-Literatur im Abstand erneut an Interesse gewonnen hat. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass nunmehr – im Jahr 2020 – drei Autorinnen mit DDR-Hintergrund mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurden: Elke Erb mit dem Büchner-Preis, Helga Schubert mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und Irina Liebmann mit dem Uwe-Johnson-Preis. Während Elke Erb die Auszeichnung für ihr Lebenswerk zuerkannt bekam und Irina Liebmann in vergleichbarer Weise auf dem Buchmarkt durchgängig präsent war und 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse für ihren autobiographisch grundierten Text erhielt, gewann Helga Schubert nach einer mehrjährigen Abwesenheit auf dem literarischen Markt (letzte Veröffentlichung 2003) den Ingeborg-Bachmann-Preis 2020. Der Preis ist bereits seit Jahren ein literarisches Ereignis in den deutschsprachigen Medien. Das Lesepublikum zeigt ein starkes Interesse zumeist an dem Autor/ der Autorin selbst, weil vom literarischen Text, um den es bei der Preisvergabe geht, lediglich einige wenige Seiten vorliegen, über die es sich schwer lange diskutieren lässt. Helga Schubert, die ihre Fabulierkünste in ihrem Textfragment, für den sie den Preis zuerkannt bekam, bereits nachgewiesen hat, fabuliert nun weiter in diversen Printmedien. Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung etwa drucken nun Interviews und das Feuilleton wird bestückt mit „Gerüchten aus der ehemaligen DDR“. Helga Schubert übernimmt darin die Hauptrolle. Sie „erzählt“ von ihrer Beziehung zu Größen der deutschen Literatur, zu Christa Wolf, Anna Seghers und Sarah Kirsch. Die Erzählungen liefern wenig Inhalt dafür viel Stimmung, in diesem Fall negative Stimmung. Es ist dies etwas, das sich seit dem deutsch-deutschen Literaturstreit von 1991 immer wieder gezeigt hat.

1989 begannen Ost- und Westautorinnen und -autoren die Arbeit am gemeinsamen literarischen Feld, es wurden Fragen nach der deutschen Kulturnation (Grass, de Bruyn und Walser) gestellt, Streitigkeiten um das vereinigte PEN-Zentrum und um die Akademie der Künste ausgetragen, von Seiten der ostdeutschen Intellektuellen die Forderung des Dritten Wegs erhoben. Noch hatte sich die Euphorie der Vereinigung nicht gelegt, als eine nüchterne Reflexion langsam von sozialen und politischen Fragen begleitet, einsetzte. Diesen Prozess begleitete eine hitzig geführte Feuilleton-Diskussion über den Stand der DDR-Literatur und der DDR-Literatinnen und -Literaten, später als Deutsch-Deutscher Literaturstreit bezeichnet, die mit einer scharfen Kritik an Christa Wolfs Erzählung Was bleibt, 1990 begann. Das Feuilleton übte eine einseitige, negativ ausgerichtete Kritik am Begriff des engagierten Schriftstellers bzw. des engagierten Intellektuellen. Es entstand die Frage, was wird nun von der DDR-Literatur bleiben, was wird nun von der deutschen in Ost- und West- geteilten Literatur bleiben, haben die linksorientierten Autoren auf beiden Seiten der Grenze politisch und ästhetisch versagt, hat das westdeutsche Feuilleton den Streit missbraucht, um die hegemoniale Position der Bundesrepublik zu etablieren? Die Hauptleitfäden der Diskussion stellten der Vergleich der SED-Politik mit dem Nationalsozialismus und der Fall linksorientierter Utopien dar. In den vergangenen 30 Jahren schwächte die Erinnerung an den Streit ab, es hat sich fast ein Konsensus etabliert, der so kurz zusammen zu fassen wäre: Auch wenn beide Literaturen sich getrennt voneinander entwickelt haben, so verband sie dennoch das Engagement für humanitäre Grundsätze, beide wirkten gegen konservative gesellschaftliche und politische Strukturen, gegen Repressionen, gegen den Rückfall in alte Denk- und Lebensmuster, schlugen ein moralisches und integres Lebenskonzept vor.

Das Feuilleton kehrt 2020 mit seinem Anspruch wieder in das Jahr 1990 zurück und wiederholt, diesmal mit Schlagworten von Helga Schubert die längst überholten und wissenschaftlich widerlegten Parolen des Literaturstreits. Helga Schubert fabuliert gerne und plaudert aus dem Nähkästchen über ihre Erlebnisse mit Christa Wolf, Sarah Kirsch, über ihre Gedanken bezüglich Anna Seghers. Es ist eigentlich fast spannender zu fragen, warum interessieren diese Einlassungen das Feuilleton und die Leserschaft als dem nachzugehen, was Frau Schubert sagt, welche Kausalitäten sie findet und Schlussfolgerungen zieht.

Das Feuilleton zeigt einmal mehr, was im deutschen kulturellen Gedächtnis eingespeichert ist, und was anscheinend von der DDR-Literatur nun bleiben soll. Das kulturelle Gedächtnis wird von einem zeithistorischen Narrativ beherrscht, das die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 aus der Perspektive der deutschen Vereinigung vom 3. Oktober 1990 erfasst. Helga Schubert liefert dazu fragwürdige Einlassungen, die zu hinterfragen sind. Freilich hätte die Autorin auch anders agieren können: Sie hätte vom „geteilten Himmel“ über der utopischen Gartengesellschaft im „Sommerstück“ von Christa Wolf sprechen können, sie hätte auch von dem von den DDR-Intellektuellen geforderten Dritten Weg für eine demokratisch erneuerte DDR sprechen können, sie hätte auch über ihre eigenen literarischen Texte sprechen können. Sie hat sich anders entschieden! Warum? Die Frage zu beantworten, fällt nicht schwer.

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