Irritationen und Verunsicherungen

Diskussionen

von José Fernández Pérez

Wir leben zwar in einer Zeit großer Veränderungen, aber es sind wohl eher massive Irritationen und Verunsicherungen. Gleichwohl gibt es anscheinend gewisse Kontinuitäten. Wellenartig wird – nicht nur 30 Jahre nach dem Ende der DDR – über sie gestritten und es läuft eine Auseinandersetzung um die Erinnerung und das Gedächtnis. Nach wir vor wird gefragt, was die DDR war und wie man sich in ihr bewegt und gelebt hat. Erstaunen muss für jemanden wie mich, der aus Spanien kommt, seit vielen Jahren in Deutschland lebt und an Schulen und Hochschulen deutsche Literatur lehrt, wie einseitig die Bewertungen ausfallen und wie wenig sie mitunter mit dem gelebten Leben zu tun haben. Nun sind das oftmals „Stimmen von Außen“ gewesen. Von daher verwundert es, dass sich nach der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises die prämierte Helga Schubert zu Wort meldet und in Interviews mit den bedeutendsten Autorinnen der DDR abrechnet, mit Anna Seghers, mit Sarah Kirsch und vor allem mit Christa Wolf. Nun muss ich ehrlich sagen, obwohl ich mich seit ca. 30 Jahren mit DDR-Literatur beschäftige, der Name Helga Schubert hat mir bisher nichts gesagt. Und vermutlich bin ich nicht der einzige. Wie kann so jemand von einer Art „Identitätsklau“ sprechen, weil im Kontext mit der DDR und ihrer Literatur und dem Ort, an dem das „Sommerstück“ von Christa Wolf spielt, immer wieder nach der sicher wichtigsten Autorin gefragt wird? Was Helga Schubert da an Vorwürfen in den Raum wirft, wissend, dass die betroffene Person nicht reagieren kann, das sind schon starke Töne, die letztlich auf die mit dem Bachmann-Preis dekorierte Autorin zurückfallen. Hat Helga Schubert, so frage ich mich, in der DDR auch wie Christa Wolf es auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 getan hat, ihre Stimme erhoben, war sie gar eine Dissidentin, die in der DDR nicht publizieren konnte? Christa Wolf jedenfalls hat auf dem sogenannten „Kahlschlagsplenum“ als einzige den Angriffen der SED-Führung auf Werner Bräunig widersprochen. Die Ton-Aufnahmen des Plenums geben eine Ahnung von der erdrückenden Atmosphäre und belegen die couragierte Haltung einer Autorin, die zu diesem Zeitpunkt noch auf einen Dialog zwischen Partei und Künstlern hoffte, mit Zivilcourage den Mächtigen widersprach und einen Kollegen verteidigte. Ihre Stimme war auch zu hören, als sie zusammen mit anderen Künstlern gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierte und den offenen Brief am 17.11.1976 unterschrieb. Bereits diese Momente dokumentieren das Verhältnis der Autorin zur Macht und insbesondere ihre zunehmende Distanz zur offiziellen Politik und Kulturpolitik. Darüber hinaus geben sie Auskunft über die Rolle und Funktion von Intellektuellen innerhalb der DDR-Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der die Medienöffentlichkeit reglementiert war, wurden andere Wege benötigt, um sogenannte „Gegen-Diskurse“ zu führen. Diese Wege ist Christa Wolf vor allem mit ihrem literarischen Werk gegangen. In ihren Einlassungen teilt Helga Schubert auch mit, dass Christa Wolf keine so große Bedeutung für die Literatur habe. Nun ist allerdings unbestritten, dass Christa Wolf ein Werk von weltliterarischer Geltung vorgelegt hat. Nehmen wir Spanien, über das ich auskunftsfähig bin: Christa Wolf verfügt hier seit den 1970er Jahren über ein hohes Renommee, ihre Texte wurden von Generationen spanischer Germanisten untersucht. Die wichtigsten Romane und Erzählungen von Christa Wolf sind ins Spanische übersetzt worden. Einige ihrer Texte wurden zusätzlich ins Katalanische übertragen. Schon während der franquistischen Diktatur wurde ihr Werk in Spanien wahrgenommen. Die spanische Übersetzung des Romans „Nachdenken über Christa T.“ im Jahr 1972 bildete den Beginn der Rezeption von Christa Wolf in der spanischen Öffentlichkeit. Es folgten weitere Übersetzungen, die belegen, dass die Literatur von Christa Wolf bei spanischen Lesern und Verlegern großen Anklang fand und dass die Rezeption durch die Wende und den Untergang der DDR keinen Einbruch erlitten hat.

Der Grund für diesen Erfolg hängt mit ihrer Person wie mit ihrer Poetologie zusammen. Christa Wolfs sucht nach neuen Formen des Erzählens und ihr Schreiben ist seit den 1960er Jahren durch das gekennzeichnet, was man im Westen Nonkonformismus nannte.  Von spanischen Literaturkritikern und Germanisten wird die humanistische, antistalinistische und selbstkritische Haltung der Autorin hervorgehoben.

Die Anerkennung ihres Werks erfolgt nicht nur durch Germanisten, sondern auch durch klassische Philologen, die sich insbesondere mit Christa Wolfs literarischen Adaptionen mythologischer Stoffe beschäftigt haben. Die verliehene Ehrendoktorwürde durch die Universidad Complutense von Madrid, eine der wichtigsten spanischen Universitäten, unterstreicht die Bedeutung von Christa Wolf in Spanien. Von daher markiert die Romanistin Anna Caballé eine Position, die sich durchaus für spanische Philologen verallgemeinern lässt:

„Ich glaube, dass es in der heutigen Zeit sehr wenige Schriftstellerinnen wie sie gibt, die in der Lage sind, mit einem einzelnen Wort eine Welt der Menschlichkeit und des Engagements wiederherzustellen und die so überzeugt davon sind, dass kein Argument auf dieser Welt das Gewissen ersetzen kann.“

Für die nach 1989 einsetzenden Angriffe auf Christa Wolf gab es unter spanischen Literaturkritikern wenig Verständnis; es herrschte eher Erstaunen über den ‚neuen‘ Umgang mit ihrem Werk und ihrer Person vor. Die Urteile der spanischen Literaturkritiker betonen unisono die Qualität ihrer Texte und die Bedeutung von Christa Wolf nicht nur für die europäische Literatur und Kultur. In intellektuellen Kreisen gilt sie schließlich auf Grund ihrer literarischen Leistung als eine anerkannte und geschätzte Intellektuelle. Die Germanistin Margarita Blanco Hölscher markiert eine Position, die durchaus für die spanischen Intellektuellen verallgemeinerbar ist: „Das Werk von Christa Wolf ist zweifellos von universalem Interesse, völlig unabhängig von ideologischen, genderspezifischen oder nationalen Kriterien. Deswegen ist es auch attraktiv für einen spanischen Leser, der sich für eine Literatur interessiert, in der die Rolle des Individuums in der Gesellschaft, die unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle und der literarische Schreibprozess thematisiert werden.“

Zu Helga Schubert habe ich in der spanischen Germanistik nichts gefunden und soweit ich das überblicken kann, ist keiner ihrer Texte ins Spanische übersetzt worden.

20. August 2020

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