In limbo. Mediale und literarische Darstellungen der Hindernisse und Beschleunigungen auf der Flucht der Vergangenheit und der Gegenwart

Vorschlag für den XV. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik: Sprache und Literatur in Krisenzeiten

Der Gegenstand dieser Sektion ist eine Analyse von Erzählungen über den Zwischenzustand, der während der Flucht, zwischen Aufbruch und Ankommen entsteht. Dabei geht es um das Bestimmen von heterotopischen Räumen, literarischen Orten der Regel- und Rechtslosigkeit, Bereichen, die sich durch andere Ordnungen bzw. über das Fehlen jeglicher Ordnungen kennzeichnen. Gegenwärtig finden wir diesen Zwischenzustand zwischen den Kulturen, zwischen Tod und Leben auf der ganzen Welt, wo Krisen herrschen, Kriege stattfinden. An der ukrainisch-polnischen Grenzen warten Menschen mehrere Tage auf den Einlass nach Polen, obwohl die polnische Grenze offen steht. Im Mittelmeer sterben seit über sieben Jahren Menschen, weil die Fluchtbewegung und -routen nicht gesichert und rechtlich nicht geregelt sind.

Daniel Odija schreibt in einem Beitrag für den „Cassandra“-Newsletter: „In Zeiten des Krieges stirbt die Literatur. Sie gedeiht in Zeiten des Friedens“. In den Zeiten des Krieges übernehmen andere Medien die Funktion des Festhaltens menschlicher Geschichten. Zahlreiche Videos, die auf YouTube zu sehen sind, erzählen in Handy-Aufnahmen von menschlichen Geschichten und Schicksalen. Bereits durch die Fokussierung der Kamera auf bestimmte Elemente wird der Moment des Erzählens über das Geschehene realisiert. Das Geschehen wird aus einer bestimmten Erzählerperspektive erzählt. Viele Autor*innen nutzen später in ihrer schriftstellerischen Arbeit diese filmischen Zeugnisse.

Die Flucht ist ein Prozess, der sich mit statischen Begriffen nicht bezeichnen lässt. Denn dabei geht es um Austreibung, Verstoßung, Verbannung, Verweisung, Vertreibung. Die Fluchten verlaufen nicht zielgerichtet, sie gleichen eher einem Umherirren, das sich immer wieder beschleunigt, dann ins Stocken gerät, schließlich zum Stillstand kommt, bevor es wieder auf unterschiedlichen Wegen fortgesetzt wird. Grenzen – Zäune, Mauern, Flüsse – stellen sich gegen diese Fluchtbewegungen, hemmen sie, können sie zum Scheitern bringen. Boote, Züge, LKWs beschleunigen sie, Grenzverletzungen erscheinen dabei als paritätisches Geschehen. Die Räume, die von den Flüchtenden allein oder im Kollektiv durchquert werden und die durch die jeweiligen Fluchtpraktiken konstituiert werden, wechseln: von unendlicher Weite – Meere, Wüsten – zu der Enge von Gefängnissen, Verstecken, Lagerzellen.

Die Flüchtlingsfigur, Migranten- und Exilfigur entwickelt eine eigenartige Beziehung zum Raum, sie ist eine Figur ohne einen stabilen Fixpunkt im Raum. Dieser Umstand führt wiederum dazu, dass sie als Figur des Dritten, die Störungen in bestehende Systeme bringt, zu deuten ist. Die Störung kann, wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und religiöse Systeme betreffen und zur Hinterfragung gesellschaftlich verbindlicher Vorstellungen von Umgang mit Fremden führen. Literatur besitzt (in ihren verschiedenen Medien) die besondere Fähigkeit, die Prozesse der Störung und die stattfindende Veränderung oder auch die Verhärtung der einzelnen Systeme mit ihren Mitteln darzustellen. Denn sie schafft Figuren, die mit individuellen Merkmalen ausgestattet, in der Umwelt entsprechend agieren, die Räume durch ihr Handeln beeinflussen und umgestalten, die dort ansässigen Figuren zum Handeln oder Nicht-Handeln nötigen. Gerade die Verbindung vom flüchtenden Individuum und Umwelt in einem literarischen Text verleiht ihm den Status eines politisch engagierten Textes. Der Umstand ergibt sich daraus, dass Geflüchtete vielfach mit der Situation konfrontiert sind, in der ihnen eine andere oder eingeschränktere Partizipation in der Gesellschaft zusteht oder ermöglicht wird als anderen Teilen der Bevölkerung des Durchzugs- oder des Ziellandes. In diesem Zusammenhang lässt sich von einem Widerspruch zwischen den eigenen und fremden Ansprüchen sprechen, wobei sich der Geflüchtete den letzteren nicht entziehen kann.

Die Protagonisten werden auf unterschiedliche Zeit auf der Flucht aufgehalten und werden durch Beeinflussung von außen gezwungen, darauf entsprechend zu agieren. Die erzählte Flucht wird von einem alles beherrschenden Schwebezustand des „in limbo“ gelenkt, in dem man nicht weiß, was sich ereignen wird und wann sich etwas ereignen wird.

In dieser Sektion möchten wir die Komplexität des Forschungsfeldes „Narrative und Repräsentationen der Flucht“ auch zeitlich in den Fokus der Analyse nehmen. Von Interesse sind daher Narrationen von Fluchtbewegungen, die in der Gegenwart stattfinden aber auch wie sie vor dem Fall der Mauer, am Ende des 2. Weltkrieges, während der Diktatur des Nationalsozialismus oder in Folge der ethnischen Säuberungen nach dem 1. Weltkrieg stattfanden. Koloniale Migration der Europäer nach Übersee auf Suche nach Glück und Lebensraum auf der einen und postkoloniale Migration von Afrikanern nach Europa für die gleichen Gründe auf der anderen Seite sind in dieser Hinsicht auch zu untersuchen, denn sie diese ermöglicht, Fremd- und Selbstbilder diachronisch zu erfassen, sowie Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Raum und Zeit zu erfahren. Produktiv wäre an dieser Stelle zu fragen, ob diese Fluchten aber auch die zeitlich weit zurückliegenden oder gar mythisierten Fluchten strukturell in Texten und anderen Medien einander ähneln.

Datum: IVG Kongress, Graz, von 20. bis 27.07.2025

Einreichung von Vorschlägen bitte an die Veranstalter:

Abstracts (max. 3.000 Zeichen)

Bionote (max. 1.000 Zeichen)

Einreichungsfrist: 01.05.2022

Rückmeldung: 15.05.2022

Die Sektion wird veranstaltet von:

Prof. Dr. Monika Wolting (monika.wolting@uwr.edu.pl)

Prof. em. Dr. Peter Seibert (pe.seibert@t-online.de)

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