IVG 2020 Palermo: Geschichte(n) erinnern

XIV. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG)
Palermo 26.7.-2.8.2020
„Wege der Germanistik in transkulturellen Perspektiven“

Geschichte(n) erinnern – Memory Boom und Störungen der Erinnerung

 

Sektionsleitung: Carsten Gansel (Giessen, Deutschland); Co-Leiterin/Leiter: Leslie Adelson (Cornell, USA), Manuel Maldonado Alemán (Sevilla, Spanien),

Seit der Wende des Jahres 1989 hat in der deutschen Kultur und Literatur bekanntlich ein regelrechter ‚Memory boom’ eingesetzt. Mit der Aufhebung der deutschen Teilung und den globalen Veränderungen ist es zu einem Umbau des ‚Funktionsgedächtnisses’ insofern gekommen, als eine Neuaufnahme und eine Neubewertung erfolgen. Es gelangen nunmehr über Literatur und Film auch jene Vorgänge, Ereignisse, Erinnerungen in den Fokus der Darstellung, die über einen längeren historischen Zeitraum eher am Rande der gesellschaftlichen  Verständigung gestanden haben oder auch ganz ausgeschlossen waren. Dazu gehören u.a. Geschichten von Kolonialismus, Flucht, Vertreibung, Bombenkrieg, Minderheiten, Nachkrieg, Migration und Wende. Die Entwicklungen haben sowohl zu vielseitigen Diskussionen über ‚Multidirectional Memory’ als auch zur Konstituierung einer eigenen Gattung geführt, den sogenannten ‚Fictions of Memory’. Es lässt sich sagen, das in Erinnerungstexten das Wechselspiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Status einer „systemprägenden Dominante“ gelangt. Nun soll in der Sektion allerdings einem speziellen
Problem nachgegangen werden, das im Kontext mit ‚Fictions of Memory’ auch stehen kann, nämlich Störungen der Erinnerung. In diesem Rahmen kann eine Konzentration etwa auf Texte erfolgen, in denen Störungen diverser Art und Traumata eine Rolle spielen bzw. es um das Erinnern von Traumatischem und die Auseinandersetzung mit Störungen geht. Es können dies Texte sein, die sich mit existentiellen Krisensituationen auseinandersetzen (Krieg, Holocaust, Rassismus, Flucht und Vertreibung) oder aber auch von den vielfältigen Formen schuldhaften
Tuns erzählen, denen die Figuren ausgesetzt sein können (u.a. Verrat,  Denunziation, Mord, Vergewaltigung). Es handelt sich hier zweifellos um Ereignisse, die zu einer Störung des Selbst führen können und mit ihren grausamen Details nur schwer narrativ zu fassen sind. Das Erleben
eines Traumas wiederum kann Intrusionen zur Folge haben, die sich in unwillkürlichen und belastenden Erinnerungen ausdrücken oder aber zur Unfähigkeit führen, der Erfahrene narrativ zu konfigurieren. In diesem Fall müsste das (Ver)Schweigen in seiner erzähltheoretischen Funktion ebenfalls berücksichtigt werden. Da das Spektrum möglicher Störungen und
Traumata sehr umfassend ist, gibt es vielfältige Varianten und Formen der Darstellung in literarischen Texten, die sich eben auch auf die sogenannten ‚Neuen Kriege’ und die neueren Migrationsbewegungen der Gegenwart beziehen. Entsprechend wird auch die jüngste Autorengeneration in den Blick zu nehmen sein, die ihre Kindheit und Jugend nicht in Deutschland verlebt haben. Auf der anderen Seite – und auch dies soll Gegenstand der Diskussion sein –, gibt es zunehmend literarische Texte, für die das Erinnern bzw. Störungen der Erinnerung im Zusammenhang mit Demenz und Alzheimer eine Rolle spielen. Zu denken ist an Helga Königsdorfs „Die Entsorgung der Großmutter“ (1997), Doron Rabinovicis „Ohnehin“ (2004), Annette Pehnts „Haus der Schildkröten“ (2006), Gerhard Köpfs „Ein Alter Herr“ (2007), Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ (2011) oder auch in anderer Weise Tilman Jens „Demenz. Abschied von meinem Vater“ (2009). Angesichts des zu verhandelnden Themas ‚Störungen der Erinnerung’ sind für diese Sektion u.a. auch Beiträge erwünscht, die einen expliziten Bezug zu den Neurowissenschaften anstreben.

Schicken Sie bitte bis zu ein kurzes Abstract (für einen 30minütigen Vortrag) und einen kurzen Lebenslauf (ca. 100 Wörter) als separate E-Mail Anhänge im Word Format an:
Prof. Dr. Carsten Gansel
Institut für Germanistik
Justus-Liebig-Universtität Gießen
Otto-Behaghel-Str. 10, Phil. I,
Deutschland
Tel. 0049 (641) 99-29121
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de

Prof. Dr. Leslie A. Adelson
Jacob Gould Schurman Prof. of German Studies
Chair, Department of German Studies
Cornell University, Ithaca NY 14853 USA
185 Goldwin Smith Hall (office)
183 Goldwin Smith Hall (mail)
Tel. 607 255 7670 or 607 255 5265
e-mail: laa10@cornell.edu

Prof. Dr. Manuel Maldonado Alemán
Universidad de Sevilla
Catedrático de Filologia Alemana
Departamento de Filologia Alemana
Facultat de Filologia
C/Palos de la Frontera, s/n
E-41004 Sevilla
Espana
E-Mail: mmaldonado@us.es
Telefon: +34 954 55 1563/62

 

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