mit Norbert Scheuer

Humboldt-Gespräche

„Und tief unten im Wasser, im Schlamm und Schlick sind die Gegenstände der erzählten Geschichten verborgen“

Ein Interview mit Norbert Scheuer

Von Monika WoltingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Wolting

In: Literaturkritik.de Nr. 9, September 2017

Monika Wolting: Herr Scheuer, in Ihrem neuen Roman „Am Grund des Universums“ (C.H. Beck 2017) richten Sie den Fokus Ihrer erzählerischen Arbeit erneut auf das Entwerfen von Figuren, die mit der Eifel verbunden sind. Warum sollten die Geschichten aus Kall für eine breite Leserschaft interessant sein?

Norbert Scheuer: Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mir darüber noch überhaupt keine Gedanken gemacht und zwar deshalb, weil ich darüber gar nicht nachdenken möchte. Das Schreiben, so wie ich es verstehe, ist im Kern eine Situation, in der ich völlig frei sein kann. Es wäre nicht richtig, würde ich mir das Vergnügen am Schreiben durch Gedanken an die Leserschaft und an das, was für die Leserschaft interessant sein könnte, verderben. Die Leser kommen für mich erst ins Spiel, wenn es eigentlich zu spät ist, nämlich dann, wenn der Roman geschrieben ist. Hätte die Leserschaft für mich eine Rolle gespielt, hätte ich niemals Geschichten geschrieben, die ausschließlich in einem kleinen Ort in der Eifel spielen.

Ihre literarische Arbeit haben Sie in den 1970er-Jahren angefangen. Zu dieser Zeit war das Interesse am Schreiben aus regionaler Erfahrung nicht sehr groß.

Als ich begann, über die Eifel zu schreiben, war es sogar verpönt, über das Leben in der Provinz zu schreiben; es wurde als Heimatliteratur abgetan und das hatte auch in der jüngeren deutschen Geschichte seinen berechtigten Grund. Ich habe dennoch immer weiter über Kall geschrieben, bis es irgendwann Leute gab, die es wohl gerne gelesen haben. Das ist ungefähr so, als würde man im Wald an einer Wegkreuzung sitzen und warten, bis einer vorbeikommt und Lust zum Reden hat – irgendwann kommen bestimmt ein paar vorbei, man muss nur beharrlich sitzen bleiben und sich die Zeit vertreiben, vielleicht indem man sich selbst Geschichten erzählt. Natürlich weiß ich, dass in jeder Geschichte auch der Zuhörer oder Leser mit angelegt ist, aber ich möchte das nicht in den Vordergrund stellen. Vielleicht würde ich auch Geschichten erzählen, wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre und die Leserschaft auf einem anderen Stern lebte.

Durch das Erzählen dieser Geschichten, nicht nur in „Am Grund des Universums“, sondern auch in Ihren früheren Texten, wie beispielsweise in dem Erzählband „Kall, Eifel“ (2005) oder dem Roman „Überm Rauschen“ (2009) stellen Sie eine Verbindung zu den Menschen und der Gegend her und machen dadurch die Region Eifel zugänglich. Sie schaffen ein Prosanetz, das erst in einem Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen einen Sinn für den Roman ergibt. Ihre Figuren haben eins gemeinsam: Sie bewohnen den Raum Kall und agieren in ihm, verändern und gestalten ihn, brechen aus ihm aus und kehren zurück. Welche Bedeutung hat das Erzählen dieser vielen Geschichten für Sie?

Ich weiß nicht, ob ich die Region Eifel für die Leserschaft zugänglich mache, es ist nicht meine Intention, aber vielleicht mache ich es doch irgendwie. Manchmal kommen Leser nach Kall mit dem Roman in der Hand und laufen die Gegend ab und sagen, dass sie alles genau so gefunden haben, wie ich es beschrieben habe. Aber in Wirklichkeit habe ich das meiste erfunden oder so zusammengestellt, wie es für meine Geschichten passt, so wie James Joyce sein Dublin ja auch größtenteils erfunden hat; viele der Orte, die er beschreibt, hat es nie gegeben. Es ist ein literarischer Ort geworden. Aber was spielt der reale Ort schon für eine Rolle? Die Menschen sterben, die Häuser werden abgerissen, die Flüsse umgeleitet, das einzige, was bleibt, ist die Geschichte.

Aber die Leser sehen trotzdem eine Übereinstimmung zwischen dem literarischen und dem wirklichen Ort?

Ja, das ist ein Paradox, die Leser, die nach Kall kommen, glauben trotzdem, in meinen Geschichten Kall wiederzuerkennen. Das sagt vielleicht einiges über unsere Art, wahrzunehmen aus. Ich schreibe zwar nicht wirklich über den konkreten Ort Kall und die Eifel, sondern habe meinen literarischen Ort Kall erfunden – und am Ende ist es dann doch die Eifel und Kall geworden, aber in einem essentiellen Sinne, und vielleicht ist es genau das, was die Leser in dem konkreten Kall und dem Landstrich der Eifel wiederzuerkennen glauben.

Ihr neuer Roman setzt sich aus vielen lose miteinander verbundenen Geschichten zusammen, die in unterschiedlichen historischen Epochen spielen. Warum dieses Genre?

Ich glaube, dass ich ein ziemlich realistischer Erzähler bin, der versucht, Wirklichkeit abzubilden, die Wirklichkeit aber ist nie eindimensional. Ich stelle mir immer vor, dass alles mit allem irgendwie verwoben ist und so müssen es die Geschichten von mir auch sein – eine Geschichte endet so plötzlich, wie ich einen Menschen, über den ich etwas erzählen möchte, aus den Augen verliere, und dann spielt etwas anderes eine Rolle und irgendwie hängt das aber doch alles miteinander zusammen. Wenn man eine Geschichte erzählt, abstrahiert man zwangsläufig immer von der Wirklichkeit, sonst müsste man sein ganzes Leben damit zubringen, einen einzigen Moment oder eine Handlung zu beschreiben und käme dennoch nicht zu einem Ende. Ich möchte in meinen Geschichten aber so wenig wie möglich von der Wirklichkeit abstrahieren. Das Verweben der Geschichten ist meine Methode, zumindest diesen Schein von Wirklichkeit zu erzeugen. Alle Dinge, die uns umgeben, haben ihre Historie und sie verlieren sie auch nicht. Alles ist in jedem Ding aufgehoben. Wenn dieser Zustand nicht in Geschichten zumindest angedeutet wird, finde ich sie banal und es wird für mich langweilig, weiterzuschreiben.

Die Struktur des Romans ist „technisch“ angelegt, die einzelnen Kapitel benennen Sie mit den Bezeichnungen der Bestandteile eines Staudamms. Woher diese Idee?

Ich denke immer erst kurz vor dem Ende über den Titel des Buches und eine eventuelle Gliederung nach. Auf die Idee einen Staudamm als Gliederung zu nutzen, kam ich, als ich mich mit der Statik von Staudämmen beschäftigte. Ein solcher besteht aus drei wesentlich Bauteilen: Böschung, Dammkrone und Dammsohle. Der Querschnitt eines Staudamms entspricht einem spitzen Trapez und das wiederum entspricht dem Schema eines klassischen Dramas mit Exposition, Steigerung, Höhepunkt, Retardation und Katastrophe. Also ließ sich meine Geschichte, die ja vom Bau eines Staudamms im Urftland handelt, auch auf die Konstruktionsmerkmale eines Romans abbilden. Die formalen Entsprechungen haben mir gefallen und es ließ sich auch inhaltlich einlösen, sodass sich daraus die dreiteilige Gliederung ergab. Zur Seeseite hin fällt die Böschung bis zur Dammsohle ab und tief unten im Wasser, im Schlamm und Schlick sind die Gegenstände der erzählten Geschichten verborgen – mal sehen, wie lange die Staumauer all diese Geheimnisse für sich behält.

Die Cafeteria im Einkaufszentrum, ein Ort, dem man gewöhnlich Gleichgültigkeit, und Anonymität zuspricht, wird zum Zentrum Ihrer literarischen Welt. Was ist an dieser Cafeteria so besonderes?

An dieser Cafeteria ist eigentlich nichts besonderes, außer, dass sie jetzt Eingang in die Literatur gefunden hat. Diese Geschichten könnte man in jeder Cafeteria eines Supermarkts finden, wenn man sie finden wollte. Wenn man es pathetisch formulieren würde, könnte man sagen, dass Literatur Orte, Menschen und überhaupt alles, was man sich vorstellen kann, zu etwas Besonderem macht. Vielleicht ist gerade das auch eine der vornehmsten Aufgaben von Literatur: Die Entdeckung neuer Orte, sogenannter Nicht-Orte, von denen man gemeinhin annimmt, dort könnte nichts Erzählenswertes geschehen. Darüber zu schreiben, macht mir Spaß und ist wie ein Abenteuer in einem unbekannten Land.

Sie verweben das Leben der heutigen Menschen fast mehr mit den technischen Errungenschaften oder eben den Fehlern dieser Errungenschaften, als mit der Natur.

Ich versuche alles, was ich verweben kann, miteinander zu verweben, und ich versuche mich dabei einer expliziten Kritik zu enthalten. Ich vertraue darauf, dass meine Haltung in der Geschichte erahnbar ist – aber die Haltung des Autors ist nicht so wichtig, wichtiger ist, was der Leser aus der Geschichte herausliest. Bei meinen bisherigen Romanen habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass die Leser den Text besser verstanden haben, als ich selbst; sie haben Dinge entdeckt, an die ich nie während des Schreibens gedacht habe – aber ich finde das schön so: Der eine erzählt die Geschichte und derjenige, der sie liest versteht sie. Vielleicht wird die Geschichte also vom Leser enträtselt. So soll zum Beispiel im Roman ein Staudamm vergrößert und Teile des Urftlandes unter Wasser gesetzt werden. Da gibt es natürlich eine Menge Argumente dafür und dagegen und diese Argumente hängen natürlich von der Geschichte und den Geschichten der Personen ab, die in dem Roman auftreten.

Wen würden Sie als die eigentliche Hauptfigur in „Am Grund des Universums“ sehen. Ich mache ein Paar Vorschläge: Paul Arimond, Nina, die Kaller, Kall, den Staudamm, die Cafeteria oder vielleicht auch die Gruppe der Grauköpfe?

Das ist eine schwere Frage, denn es gibt sehr viele Hauptpersonen und alle sind mir wichtig, auf jeden Fall alle, die Sie aufgezählt haben. Für mich die wichtigste, weil interessanteste Hauptperson ist jedoch die Gruppe der Grauköpfe, eine Gruppe von alten Männern, die sich täglich in der Cafeteria des Supermarkts treffen. Sie haben dort ihren Stammplatz und sie beobachten von ihrem Platz aus Leute, die in den Supermarkt kommen, alles Menschen, die sie kennen und von denen sie sich Geschichten erzählen können; aber sie kommentieren auch die Ereignisse der Politik, die sie gleichzeitig auf einem großen Flachbildschirm beobachten. Irgendwie durchdringen sich in der Cafeteria des Supermarktes die große Welt und die kleine Welt des Urftlandes. Diese alten Männer habe ich mir wie einen Chor in einem antiken Drama vorgestellt, die Grauköpfe glauben alles zu wissen und kommentieren, was in ihrer kleinen Welt und der großen Welt geschieht.

So lässt sich auch sagen, dass die erzählten Geschichten eine bestimmte Funktion haben beziehungsweise eine über das Erzählte hinausgehende Aufgabe erfüllen. Der Erzähler verknüpft in seinen Geschichten Menschen, Ereignisse, Gegenstände über die Zeiten und über die einzelnen Erzählungen hinweg. Sie, als Autor, entwerfen ein Geflecht, in dem einzelne, wiederkehrende Motive verbindend wirken und einen Verweisungscharakter erhalten.

Ich sagte ja schon, dass ganz vordergründig Geschichten für mich eine Art Selbstunterhaltung sind. Es ist so, als würde ich einem Schatten etwas erzählen, einem Schatten, der auch mein Schatten sein könnte. Und das Ganze hat vielleicht nur den Sinn, ein Rätsel zu lösen, den Sinn zu erkennen, mich selbst zu erkennen, etwas über mich zu erfahren, obwohl das letztlich unmöglich ist. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum einige Menschen meine Geschichten gerne lesen.

Wenn wir den Gedanken über den Grund des Lesens vertiefen wollen, dann können wir uns die Frage stellen, was literarische Texte primär erzeugen: Bedeutungszusammenhänge oder Stimmungen?

Ich glaube, dass im Idealfall ein literarischer Text in gleichem Maße durch Bedeutung und Stimmung erzeugt wird und diese beiden sich gegenseitig ergänzen sollten. Bedeutungen werden durch Stimmungen aufgeladen und Stimmungen bekommen durch Bedeutungen einen diskursiven Sinn. Philosophisch gesehen sind es somit Reflexionsbegriffe wie innen und außen und Raum und Zeit, die eigentlich nicht unabhängig voneinander gedacht werden können. Allerdings kann ich mir einen Text vorstellen, einen wissenschaftlichen oder philosophischen oder gar mathematischen, der in erster Linie von Bedeutungszusammenhängen lebt und Stimmungen geradezu vermeiden möchte. Die Frage ist nur, ob dieser Text dann überhaupt noch lesbar wäre. Insofern erscheint mir die Stimmung für einen Text und insbesondere einen literarischen Text konstitutiver. Man könnte die Vermutung anstellen, dass die Bedeutungen erst aus den Stimmungen destilliert werden. Also, und so stelle ich es auch bei mir immer wieder fest, zu Beginn meines Schreibens steht eher ein starkes, aber nicht genau zu beschreibendes Gefühl, das dann im Laufe des Schreibens immer weiter mit Bedeutungen oder anders: mit Begriffen umschrieben wird, bis am Ende ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder ein Roman entstanden ist. Gelungen ist es aber nur, wenn der Text diese Stimmungen nicht ganz in Bedeutungen aufgehen lässt, sondern alles in einer rätselhaften Schwebe bleibt, aus der sich immer neue Stimmungen und Bedeutungen generieren lassen.

Die rätselhafte Schwebe führt dann auch dazu, dass das Rezitieren von lyrischen Texten auch Zuhörer beeindrucken und erreichen kann, die die Sprache des Textes nicht verstehen. Es wäre ein Indiz dafür, dass Poesie viel mehr über Stimmungen als über Inhalte wirkt.

Bei Poesie ist es sehr wahrscheinlich so, dass sie über Melodie und Rhythmus funktioniert und weniger über Bedeutungen. Ein gutes Gedicht sagt etwas, was niemals völlig diskursiv auflösbar ist, gerade darin liegt die Schönheit und das Besondere der Poesie, eine Übereinstimmung der Einbildungskräfte noch vor jeder Erfahrung, die uns irgendeine nicht formulierbare Wahrheit erahnen lässt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Lyrik keine Geschichten erzählt?

Jedes gute Gedicht erzählt eine Geschichte, allerdings eine völlig komprimierte und auf das Wesentliche reduzierte. Nehmen Sie das Gedicht von William Carlos Williams This Is Just to Say. Hier wird in einigen Zeilen eine ganze Liebesgeschichte erzählt. Ich glaube, dass jedes Gedicht prinzipiell so funktioniert, wenn auch nicht immer so offensichtlich. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass unser Geist so strukturiert ist, dass er immer nach Geschichten sucht und das Gedicht sie anbietet.

Die Geschichte wäre dann für das Gegenwärtige, die Empfindungen, der Rhythmus der Sprache für das Zukünftige, denn was dem Leser Jahre später von einer Lektüre bleibt, sind Empfindungen in Erinnerung wie Gerüche, Farben, Geräusche – gar nicht die erzählte Geschichte.

Das ist das, was der Dichter sich wünscht, weil es ja eigentlich eine Unmöglichkeit ist, und Dichtung ist an sich das Unmögliche. Wörter transportieren keine Gefühle, aber vielleicht Erinnerungen an sie. Ich glaube, das ist eines der größten Probleme der Geistesphilosophie: Wie können wir überhaupt Gefühle und Stimmungen objektivieren, wenn sie vollkommen subjektiv und nicht objektivierbar sind? Vielleicht ist die Poesie diese Brücke oder sie lässt uns zumindest glauben, dass wir die Gefühle anderer verstehen können.

Sie sind Autor sowohl lyrischer Texte als auch von Prosatexten. Wie entscheiden Sie, in welcher Form Sie Ihre Gedanken und Empfindungen ausdrücken wollen?

Es wäre schön, wenn ich das frei entscheiden könnte, denn dann würde ich nur kleine Prosatexte und Gedichte schreiben. Nach jedem Roman und noch während des Schreibens nehme ich mir das vor. Ich möchte endlich mal wieder einfach durch die Gegend laufen, die Dinge wahrnehmen, dies notieren und danach wieder vergessen – beim Roman laufe ich ja jahrelang immer mit dem gleichen Gedanken herum und alle Wahrnehmungen sind bewusst oder unbewusst auf den Roman fokussiert. Das ist ja die Bedingung dafür, dass am Ende überhaupt eine lange stringente Geschichte rauskommen kann – ich betrachte das manchmal als eine Art Gehirnwäsche. Deswegen möchte ich, nachdem ich den Roman fertig geschrieben habe, unbedingt Gedichte schreiben und all die Wörter aus dem Kopf bekommen und jedes einzelne Wort und jedes Bild wieder schätzen lernen. Ich werde jetzt wieder zu lesen anfangen und mich ausruhen. Wenn ich aber wieder einigermaßen ausgeruht bin, um Gedichte zu schreiben, kommt mir wieder eine Romanidee in den Sinn und der Lektor möchte auch lieber, dass ich Romane schreibe.

In der Tat, ein Roman verlangt andere Arbeitsformen als Lyrik. Könnte man sagen, dass Lyrik eine Form von dem geschäftigen Leben abgerungener Muße ist?

Ich möchte das gern glauben, aber in Wirklichkeit ist es wohl so, dass Lyrik eine ebenso harte Kärrnerarbeit ist wie das Schreiben von Romanen oder das Arbeiten als Bauarbeiter an einem heißen Tag. Wenn man das Schreiben ernsthaft betreibt, ist man von Dämonen besessen und die wollen etwas von deinem Leben abkriegen und sie bekommen bestimmt ihren Anteil, damit muss man sich irgendwann abfinden oder aufhören. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man anders etwas besonders Gutes leisten kann. Und dann ist das Frustrierende aber, dass man für die Lyrik noch nicht einmal etwas bekommt, weder genügend Anerkennung, noch eine annähernd gerechte Entlohnung – wohl weil die Leute meinen, Lyrik sei einfach nur dem Leben abgerungene Muße.

Diese harte Arbeit eines Autors wurde in der Vergangenheit oft von ihnen selbst in literarischen Manifesten oder Poetiken beteuert. Die letzten Jahrzehnte charakterisiert das Fehlen einer Poetik, die sich zum Regelwerk der Dichtung eines Zeitalters etablieren könnte, es gibt auch keine literarischen oder gar politischen Manifeste der Autoren mehr.

Ich glaube, ein solches Projekt wie eine Poetik wird immer schwieriger, weil es mittlerweile so viele sich gegenseitig relativierende Auffassungen gibt, was und wie gute Lyrik zu sein hat, vieles steht sich gleichberechtigt gegenüber und hat in den meisten Fällen seine Berechtigung. Jeder Dichter heute weiß wohl, dass man Dichtung nicht nach Regeln gestalten kann, wenn das der Fall wäre, könnte man einen Algorithmus entwerfen und Computer Gedichte schreiben lassen. Der Wortschatz eines Computers oder jedes Textverarbeitungssystems ist größer als der eines Menschen und die Grammatik beherrschen Computer auch besser. Aber Gedichte funktionieren ja auch gerade dadurch, dass sie die Regeln der Grammatik durchbrechen und unvereinbare Bilder miteinander in Verbindung setzen, sodass man beim Lesen plötzlich etwas ganz Neues zu begreifen glaubt. Deswegen ist Dichtung eine ganz besondere Erkenntnisform, für die es niemals verbindliche Regeln geben kann. Es ist nicht anders als in der Physik, die ja auch nicht ernsthaft glauben kann, eine Weltformel für alles entwickeln zu können. Es ist immer nur eine heuristische Annäherung an etwas prinzipiell Unerreichbares und nur die List der Vernunft lässt uns immer weiter ein solches Ziel verfolgen. Vielleicht ist die Kunst genau aus diesem Grund den Naturwissenschaften in gewisser Weise überlegen, indem sie ihr Scheitern von vorneherein zum Programm macht.

Mit dem früheren Roman „Die Sprache der Vögel“ haben Sie einen politisch engagierten Text geschrieben. Was bedeutet für Sie engagierte Literatur heute?

Eigentlich war und ist jede Literatur immer engagiert. Ich wüsste nicht, was sie sonst sein sollte. Wie kann sich jemand über Jahre hinsetzen und an einem Roman arbeiten, ohne ein großes Engagement, das sich natürlich dann auch irgendwie in dem fertigen Werk spiegelt. Ich klammere hiervon Unterhaltungsliteratur aus, die geschrieben wird, um Geld zu verdienen und bei der auch der Verkauf kalkulierbar ist. Aber ein Autor, der einen ernsthaften Roman schreibt, verdient bestenfalls damit so viel, dass er einigermaßen davon leben kann, in den meisten Fällen viel weniger, oft findet er nicht mal einen Verlag – jeder einfache Job ist einträglicher. Was also könnte einen Autor sonst zum Schreiben motivieren außer ein großes Engagement?

In dieser Hinsicht stimme ich Ihnen vollkommen zu: Grade in einem Zeitalter, in dem wie Jean-Franҫois Lyotard es ausdrückt, wir uns von den Meistererzählungen verabschiedet haben, brauchen die Menschen Utopien.

Wenn das Individuelle, Heterogene und das Differente unhintergehbar ist – und der Meinung bin ich auch – waren Meistererzählungen immer schon eine Illusion. Genaugenommen hat es die Meistererzählungen in diesem Sinne nie gegeben, es waren immer Ideologien. Dichtung oder Literatur darf jedoch niemals ideologisch sein. Sie ist eine Parallelwelt zu der tatsächlichen Welt und da passieren unzählig viele Dinge und für nichts, selbst für die simpelste Sache, gibt es eine hinreichende Erklärung. Das einzige, was ein Autor machen kann, ist, sich das anzusehen und darüber zu schreiben.

Glauben Sie an Utopien?

Für mich sind Utopien „regulative Ideen“ im kantischen Sinne, Begriffe, die notwendig gedacht werden müssen, um ein Leben zu ermöglichen. Ohne Utopien zu leben, hieße letztlich zu verrohen. Eine realisierte Utopie wäre qua Definition keine Utopie mehr und es wäre ein Ort, an dem ich nicht leben möchte. Wonach sollte man sich noch sehnen, wozu noch Romane und Gedichte schreiben, die alle implizit von großen und kleinen Utopien handeln?

Die Idee des Textes, die Welt ohne Grenzen zu denken, ist ein Gegenentwurf zu unserer Welt. Bleiben Sie als Autor dieser Urfunktion von Literatur treu?

Ja klar bleibe ich der Idee, eine Welt ohne Grenzen zu denken, treu, obwohl ich kaum weiter als über die Eifel hinausgekommen bin. Meine Protagonisten wollen ja auch zumeist immer weg aus ihrem beengten Leben in der Eifel, aber irgendwie glaube ich, egal wo man ankommt, ob in New York oder Tokio, es bleibt immer irgendwie beengt, wichtig ist nur, weggehen zu können, um Erfahrung zu machen. Die modernen Nationalstaaten mit ihren Grenzen sind gerade mal 200 Jahre alt, davor gab es in Europa kleine und große Fürstentümer und nur 2000 Jahre zurück gab es die antiken Reiche. Kant sagt, dass es überhaupt kein Recht auf ein Territorium gibt, dass Grenzen willkürlich sind, jeder hat gleichermaßen das Recht, überall zu leben, solange er sich an bestimmte Regel hält. Bei Kant wären das wohl die Maximen, die durch den kategorischen Imperativ vorgegeben werden.

Darf Literatur in einer Parallelwelt stattfinden und trotzdem im Verborgenen Einfluss auf die Moral der Leser haben?

Alles sind Parallelwelten, da unterscheidet sich Literatur nicht sonderlich von dem, was wir sonst um uns herum wahrnehmen; es gibt wohl einen Unterschied in der Art der Konstitution und des Bewusstseins dieser Welten, die den Unterschied auch für uns deutlich macht. Aber wenn Literatur es schafft, den Schein der Wirklichkeit zu evozieren, dann erscheint sie dem Leser als ein genaues Abbild der realen Welt und alles, was in der Geschichte geschieht, kann das, was wir Wirklichkeit nennen, in Frage stellen oder relativieren und das könnte man unter Umständen als moralisch relevant ansehen. Zuerst einmal glaube ich, dass Literatur immer in einer Parallelwelt stattfindet, in einer Welt, die einen Ort in unserem Geist hat. Wenn man der modernen Geistesphilosophie glaubt, gibt es überhaupt keinen Beweis für die Realität der Außenwelt. Strenggenommen befindet sich also alles, was wir tun, denken und fühlen in einer Parallelwelt, und diese Parallelwelten könnten aufeinander Einfluss nehmen. Aber Literatur hat nichts mit Moralität zu tun, Literatur erzählt nur Geschichten.

In ihren Texten zeigen Sie ja auch die Bedeutungen des Regionalen für Ihre Figuren, somit widersetzen Sie sich dem Drang nach Globalisierung. Ist für Sie Literatur Widerstand?

Natürlich ist Literatur Widerstand gegen alles, was dem Autor missfällt. Sie ist daher oft auch Widerstand gegen sich selbst. Sie ist auch Widerstand gegen politische und soziale Verhältnisse, aber nie in dogmatischer Weise. Der für mich ideale Autor erzählt nur das, was er wahrnimmt, und eine unvoreingenommene Wahrnehmung mündet immer in einem wie immer gearteten Widerstand gegen das Gegebene.

Würden Sie der Literatur eine Weltanschauungskompetenz zuschreiben? Ist es die Aufgabe der Schriftsteller, die Welt aus ihren Blickwinkeln zu zeigen, vielleicht auch zu erklären?

Nein, ich will nichts erklären, wenn ich erklären wollte, wäre ich Philosoph oder Physiker. Aber ich habe schon gesagt, dass man die Welt meiner Meinung nach nicht vollständig erklären kann, das ist unmöglich und sozusagen ein semantisches Paradox: Um die Welt vollständig zu erklären, müssten wir außerhalb von ihr stehen. Aber es ist gut, dass es Menschen gibt, die glauben, man könnte es und die es immer wieder versuchen. Darauf beruht sozusagen der Fortschritt der Menschheitsgeschichte. Ich wollte in meiner Jugend Fußballspieler werden, aber ich bin bei guten Anlagen doch nie ein wirklich guter Spieler geworden, weil ich das Spiel immer in Frage gestellt habe. Ich wollte Philosoph werden und habe das ebenso in Frage gestellt, wie ich die Physik in Frage gestellt habe, erst beim Geschichtenschreiben hat sich das geändert – vielleicht weil Literatur ein Spiel im Spiel ist.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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