Tagung: Die Gruppe 47 – Wirkung und Nachwirkungen

Hans Werner Richter Literaturtage

»Die Gruppe 47 – Wirkung und Nachwirkungen im internationalen Kontext zwischen Aufstörung und Stabilisierung«

10. Hans Werner Richter Literaturtage: „Die Gruppe 47 – Wirkung und Nachwirkungen im internationalen Kontext zwischen Aufstörung und Stabilisierung“, Wissenschaftliches Kolloquium vom 16. bis 18. November 2017,  Hans Werner Richter-Haus in Bansin/Usedom

Das Programm

Vor 70 Jahren formierte sich die Gruppe 47 um ihren ‚spiritus rector’ Hans Werner Richter – ein geeigneter Anlass, um im Rahmen der Hans Werner Richter Literaturtage 2017 das Wirken und Nachwirken des einflussreichsten Autorenverbundes in der Geschichte der Bundesrepublik neu in den Blick zu nehmen.

Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der Gruppe 47 lässt sich grob in drei Phasen einteilen, die nicht zufällig mit wichtigen gesellschaftsgeschichtlichen Einschnitten korrelieren:

Hervorgegangen aus publizistischen Aktivitäten in der unmittelbaren Nachkriegszeit, kann die Zeit des Bestehens der Gruppe 47 als eine Erfolgsgeschichte rekapituliert werden, die sich aus einem produktiven Spannungsverhältnis zwischen Stabilisierung und Aufstörung, Normalisierung und Nonkonformismus in Hinsicht auf die literarästhetischen und politischen Diskurse der frühen Bundesrepublik speiste. Autoren aus dem Umfeld der Gruppe 47 wie Alfred Andersch oder Günter Grass sorgten mit ihren Texten immer wieder für Irritationen, die über das literarische Feld hinaus wirksam wurden; auch sind aus den Reihen der Gruppe verschiedene Initiativen hervorgegangen, die sich kritisch mit Entwicklungen auf dem nationalen und internationalen (kultur-)politischen Feld auseinandersetzten. Dazu gehörte u.a. das Engagement für die Erhaltung eines Dialogs mit Autoren und Kulturschaffenden der DDR und den anderen Ländern des Real-Sozialismus. Zugleich herrscht in der Forschung inzwischen Konsens darüber, dass die Gruppe 47 insgesamt als tendenziell systemstabilisierender Faktor der westdeutschen Mentalitätsgeschichte zu bewerten ist, und dies aus folgendem Grund: Die beiden Gründungsgenerationen setzten sich in ihren zeitgeschichtlichen Texten zwar kritisch mit der Realität der Nachkriegszeit auseinander, zugleich stellten sie aber eher apologetische denn kritische Muster zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus bereit.

Die um 1960 einsetzenden entscheidenden Diskursverschiebungen in Hinsicht auf die jüngste Vergangenheit, insbesondere die verstärkte Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld, mit Krieg und Holocaust lassen sich dann ebenfalls an den Texten und Debatten der Gruppe 47 ablesen. Ihre Hochphase fiel zusammen mit einem Generationenwechsel, der die Polarität zwischen Literatur und Politik, Ästhetik und Engagement, literarischem Markt und Meinung zunehmend verschärfte. Das Auseinanderbrechen der Gruppe 1967 hing von daher nicht zuletzt mit dieser wachsenden Kluft zusammen.

Das Ende der Gruppentagungen führte allerdings – dies ist hinreichend bekannt –keinesfalls zum Verstummen ihrer Mitglieder. Vermittels von Einrichtungen und Preisen wie dem Literarischen Colloquium Berlin oder dem Bachmann-Preis in Klagenfurt, aber auch durch die vielfältigen Initiativen von Hans Werner Richter oder Hans Magnus Enzensberger an Schnittpunkten zwischen medialer Öffentlichkeit und Politik entfaltete die Gruppe 47 ein Nachleben, das von den bleibenden Netzwerken profitierte. Dazu gehört auch der zunehmende Erfolg der letzten Generation im Bereich experimenteller oder Pop-Literatur (Becker, Brinkmann, Piwitt). Das Engagement im Bereich des künstlerischen Austauschs mit Intellektuellen und Autoren aus Westeuropa, den USA sowie den Staaten des Warschauer Pakts blieb eine zentrale Motivation dieser Netzwerke. Bis zum Epochenumbruch 1989/90 und darüber hinaus lässt sich von einer intellektuellen Meinungsführerschaft der wichtigsten Vertreter der Gruppe 47 im Literatursystem der Bundesrepublik sprechen. Dies hängt u.a. auch damit zusammen, dass Autoren wie Jürgen Becker, Helmut Heißenbüttel und Walter Höllerer Schlüsselpositionen im Medienbetrieb besetzten. Aus fachgeschichtlicher Perspektive ist darüber hinaus festzuhalten, dass ein Teil der prominenten zeitgenössischen Germanisten wie Heinz Ludwig Arnold oder Hans Dieter Zimmermann in engem Austauschverhältnis mit Gruppenmitgliedern standen. Walter Höllerer, Reinhard Lettau oder Walter Jens hatten als Autoren und Wissenschaftler selbst zur Gruppe gezählt. Die genauere Untersuchung der Austauschbeziehungen zwischen Autoren, Medien und Wissenschaft gehört sicher zu einem der Desiderate der Forschung zur Gruppe 47.

Mit den nach 1989 einsetzenden Auseinandersetzungen um die Rolle von Literatur im Rahmen des deutsch-deutschen Literaturstreits begann eine Phase vornehmlich kritischer ‚Bestandsaufnahmen‘ (Braese 1999) in den Bereichen von Publizistik und Wissenschaft. Während Grass, Enzensberger oder Martin Walser sich bis ins hohe Alter öffentlich – und zumeist Aufsehen erregend – zu kulturellen oder gesellschaftlichen Problemen zu Wort meldeten, waren Invektiven von Ulrich Greiner und Frank Schirrmacher gegen die ‚Gesinnungsästhetik‘ und gegen einen behaupteten moralischen  Imperativ der kanonisierten Gegenwartsautoren aus Ost (Christa Wolf, Stefan Heym, Erwin Strittmatter) und West (Alfred Andersch, Heinrich Böll, Günter Grass) als Distanzierungsgesten gegen eingeschliffene Dominanzverhältnisse intendiert. Zudem trugen die Aufdeckung von ‚blinden Flecken‘ in den Lebensläufen einer ganzen Reihe von Gründungsmitgliedern der Gruppe 47 aus der Zeit des Nationalsozialismus (Andersch, Eich, Grass, Richter, Jens) und deren polemische Inkriminierung durch Klaus Briegleb (2003), W.G. Sebald (1993/97) und andere zu einer grundlegenden Infragestellung des Selbstanspruchs der Gruppe 47 als einem moralisch integren kritischen Korrektiv der bundesrepublikanischen Gesellschaft wesentlich bei. Derartige Impulse führten zu einer Neubetrachtung und -bewertung vor allem der Konstituierungsphase der Gruppe 47. War bereits in den 1970er Jahren der Mythos von der ‚Stunde Null‘ der deutschen Literatur nachhaltig erschüttert worden, konzentrierte sich die Forschung der letzten beiden Jahrzehnte verstärkt auf die verdeckten Kontinuitätslinien in den Werkbiographien der älteren Autoren; außerdem rückten im Kontext einer Geschichte der deutschsprachigen Neoavantgarden vor allem die jüngste Generation der Gruppe 47 um R.D. Brinkmann in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Erst die bislang einzige umfassende Darstellung von Helmut Böttiger (2012) richtete die Perspektive wieder stärker auf die Gruppe 47 als wirkmächtiges kulturelles Gesamtphänomen, das nicht nur im literarästhetischen Bereich entscheidende Akzente für die Entwicklung der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur setzte, sondern auch entscheidenden Anteil an der Transformation des westdeutschen Literaturmarkts und der Medienlandschaft insgesamt hatte.

Die 10. Hans Werner Richter Literaturtage 2017 werden ausgerichtet vom Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen/Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur (Prof. Dr. Carsten Gansel/Leitung) und dem Eigenbetrieb Kaiserbäder Insel Usedom (Dr. Karin Lehmann), in Verbindung mit der  Mecklenburgischen Literaturgesellschaft (Neubrandenburg), dem Internationalen
Christa-Wolf-Zentrum für deutsche und polnische Gegenwartsliteratur und -kultur und dem Institut für Germanistik der Universität Szczecin.

Allgemein
Tagung: Störungen des ‚Selbst’

Störungen des ‚Selbst’ – Trauma-Erfahrungen und Möglichkeiten ihrer künstlerischen Konfiguration Internationale wissenschaftliche Tagung auf Schloss Rauischholzhausen/ Justus-Liebig-Universität Gießen vom 28. Juni bis 30. Juni 2018. Ausgerichtet von Prof. Dr. Carsten Gansel (Justus-Liebig-Universität Gießen) und Prof. Dr. Monika Wolting (Universität Wrocław/Polen) Call for Papers Tagungsprogramm Abstracts Das hier ins Zentrum einer …

Hans Werner Richter Literaturtage
Die Gruppe 47

Die Gruppe 47 – Wirkung und Nachwirkungen im internationalen Kontext zwischen Aufstörung und Stabilisierung Bansin/Usedom (15.07.2017) Call for papers 10. Hans Werner Richter Literaturtage: „Die Gruppe 47 – Wirkung und Nachwirkungen im internationalen Kontext zwischen Aufstörung und Stabilisierung“, Wissenschaftliches Kolloquium vom 16. bis 18. November 2017,  Hans Werner Richter-Haus in …

Hans Werner Richter Literaturtage
Krieg – Gefangenschaft – Lagerhaft

KRIEG – GEFANGENSCHAFT – LAGERHAFT: Opfernarrative und Wandlungsmythen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 15.–17. November 2012 Bansin/Insel Usedom Hans Werner Richter-Haus Das Programm: HWR_2012 D .as Lager ist nicht nur in der deutschsprachigen Literatur zu einem symbolischem Raum geworden, der repräsentativ für die Leiderfahrungen des 20. Jahrhunderts steht. Orte …