mit Jacek Dehnel

Gespräch

Den Sinn des historischen Schreibens sehe ich in der Vergegenwärtigung des Vergangenen“ Monika Wolting spricht mit Jacek Dehnel

Jacek Dehnel ist polnischer Schriftsteller, Maler und Übersetzer aus dem Englischen und Russischen. Er ist Autor mehrerer Gedichtbände, Romane und Essays. Bis jetzt wurden zwei seiner Roman in Deutsche übertragen: „Lala“ (2006) und „Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya“ (2013). Diese beiden Romane wurden in weitere zwölf Sprachen übersetzt. Dehnels literarische Arbeiten wurden mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Monika Wolting: In Ihren Texten verarbeiten Sie historische Themen und Stoffe. Sie stellen in den Mittelpunkt der literarischen Fiktion Figuren, die Namen historischer Persönlichkeiten tragen. Gibt es bestimmte Gründe für diese besondere Affinität für historische Motive?

Jacek Dehnel: Es sind immer sehr gute Geschichten. Anhand der Figuren und ihrer Handlungen lässt es sich über unsere Gegenwart erzählen, über das Hier und Jetzt, über die heutige Welt oder auch enger gefasst, über das derzeitige Polen. Inwieweit ist es möglich die Geschichte in solche Spiegelbilder oder auch Befunde zu verarbeiten, das ist die Frage der Möglichkeiten, die die Geschichte liefert und der Erwartungen, die der Autor an sie stelltaber als Ausgangsmaterial begeistern mich solche Stoffe und bewegen zur Auseinandersetzung mit Persönlichkeiten oder Ereignissen.

MW: Was interessiert Sie an Geschichte, als Überlieferung vom Vergangenem.

JD: In der Regel beschäftigt sich ein Autor mit dem Erzählen von Geschichten. Natürlich im Sinne von Erzählungen und nicht unbedingt im Sinne von Auszügen aus der Weltgeschichte. Allerdings kann es auch ganz anders sein: Der Roman „Mutter Makryna“ gehört zum Genre des historischen Romans aber die Hauptfigur ist aus der Weltgeschichte fast gänzlich verbannt worden. Der Roman versucht sich zum Teil an Antworten für diesen Umstand. Für mich, als Autor sind diese Geschichten spannend, die entweder in der großen Geschichte verschwiegen, verdrängt, vergessen oder umgewertet wurden, wie beispielsweise die Protagonisten meiner Romane: Makryna Mieczysławska und Javier Goya, die Hauptfigur des „Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya“, oder auch meine Oma, die als Vorbild für die Oma-Figur in „Lala“ steht, eine Person, die nicht nur in Berührung mit der so genannten „großen Geschichte“ kommt, sondern auch erzählt ihre eigene Wahrnehmung großer geschichtlicher Ereignisse.

MW: Ihre Figuren sind etwas mehr als literarisierte Persönlichkeiten der Vergangenheit, sie werden an vielen Stellen über die Diskurse der Gegenwart angereichert. Hier denke ich beispielsweise an die figurenübergreifende Thematik von „Mutter Makryna“. In dem Roman spielen eine Rolle solche Diskurse wie Exklusion, Gleichstellung von Frau und Mann. Sehen Sie historische Stoffe in dieser Hinsicht als produktiv?

JD: Aber natürlich. Eigentlich sehe ich keinen anderen Sinn im Schreiben historischer Romane, als in der Vergegenwärtigung des Vergangenen. Im Verfassen von Romane, die nur eine Persönlichkeiten, einige Ereignisse beschreiben und das alles mit Kostümen oder Ausrüstung ausschmücken, wie Cléopâtre la Voluptueuse, roman de moeurs antiques von Barthez Henry, sehe ich wenig Sinn. Die Blütezeit solcher Genre ist vorbei, der Roman von heute muss in Konkurrenz zu bemerkenswerten historischen TV-Serien, einer allgemeinen Zugänglichkeit von Schriftquellen und Archivmaterialien stehen. Es ist aber längst bekannt, dass der historische Roman als Glosse zur Gegenwart zu verstehen ist – „Boski Juliusz” von Bocheński sprich den Personenkult zu stalinistischer Zeit an, „Die Messe für die Stadt Arras von Szczypiorski betrifft den März 1968, „Faraon” von Prus ist eine Aussage gegen den Klerikalismus und schlussendlich schrieb Sienkiewicz seine Texte um „die Herzen zu erbauen“, indem er patriotische Muster in der Zeit der Entwurzelung des Polentums anlegte. Es geht aber nicht nur darum, dass der Autor, unter spezifischen Bedingungen der Zensur, sei es staatlicher, oder gesellschaftlicher Art, in einem historischen Roman Inhalte unterbringen kann, aber auch darum dass manchmal eine Erzählung der Vergangenheit in sich gegenwärtige Problematik kumuliert. Der Roman Mutter Makryna”, der eine vergessene Persönlichkeit in den Mittelpunkt der Erzählung stellt, schildert eine ganze Palette derzeitiger polnischer Probleme.

MW: Kann also ein literarischer Text eine therapeutische Funktion besitzen?

JD: Nehmen wir einen Thomas Bernhard – hat die Tatsache, dass er so viele bittere Worte über sie Gesellschaft, in der er lebte, schrieb, der Gesellschaft in irgendeinem Ausmaße geholfen? Das glaube ich nicht. Vielleicht ein wenig, aber es hat die Gesellschaft sicherlich nicht verändert. Vor einiger Zeit war ich in Wien als Stipendiat. Ich nutzte die Gelegenheit, einige Orte , die mit Thomas Bernhard in Verbindung standen, zu besuchen. Unter anderen suchte ich den Friedhof in Grinzing auf. Auf dem Friedhof fanden viele große Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe, darüber gibt auch die Tafel, die am Eingang angebracht ist, Auskunft. Einige von ihnen gehören zum europäischen Kulturgut, wie Gustav Mahler oder Alma Mahler-Werfel, andere besitzen eine eher regionale Bedeutung, wie beispielsweise ein bedeutender Geburtshelfer aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings hat auch Thomas Bernhard auf diesem Friedhof seine Grabstätte. Nur, sein Name wurde auf der Liste gar nicht erwähnt. Die Gesellschaft ist zum Teil immun gegen Bernhard geworden und ließ sich nicht „therapieren“.

MW: Die Aussagen Ihrer Texte werden stets in den Reflexionen und Überlegungen der Figuren vermittelt (Jacuś, Irina). Zumal können einige von den „Botschaften“, wie beispielsweise die Entmythologisierung polnischer Romantik, auch wenn Maria Janion dafür seit Jahrzehnten plädiert, als ausftörend wirken. Entspricht der Aufbau ihrer Texte der Auffassung der Literatur als aufstörendes Medium?

JD: Im meinem Verständnis kann Literatur verschiedene Funktion übernehmen und erfüllen. Aber die Literatur dient hauptsächlich dem Schaffen und dem Lesen von Büchern, also einer reinen Vermittlung. Wir vermitteln einander Wissen, Emotionen, Ansichten, Schönheitsvorstellungen, oder Schönheit per se, beispielsweise in angenehmen fürs Ohr Klängen. Eigentlich gibt es keinen sichtbaren Grund, warum sollte der Schwerpunkt des Interesses auf gesellschaftlichen Schwerpunkten liegen. Allerdings ist eine der vielen wahrnehmbaren Bestimmungen der Literatur das Anstoßen des Selbstgesprächs der Gesellschaft – angefangen bei der Publizistik und Non-fiction-Literatur bis hin zur Liebeslyrik. Meine Texte nehmen sicherlich einen gossen Anteil an dieser Diskussion, aber ob sie für die gesellschaftlichen Diskurse relevant sind, kann und will ich nicht beurteilen.

MW: Sie berühren in Ihren Texten gesellschaftsrelevante Fragen. Ich nenne hier zwei: Wie wird ein Mythos geschaffen?, Wie wird Geschichte eines Landes, einer Nationalität geschrieben? War es Ihr Anliegen die Mythosbildendenmaßnahmen zu demaskieren?

JD: Meine Aufgabe beim Schreiben von „Mutter Makryna“ sah ich primär in dem Verfassen eines guten Buches über eine außergewöhnliche Gestalt. Dabei bin ich nicht umhin gekommen, an einigen großen Mythen etwas zu zerren. Es reicht aber auch, sich einen Einblick in einige Dokumente zu verschaffen, die keiner mehr kennt oder leicht zugängliche Quellen zu sichten, um relativ schnell zu wissen, dass viele dieser Mythen schon längst aufgedeckt wurden. Das hat aber insofern keine Bedeutung, denn ein Mythos funktioniert für sich, ungeachtet dessen, ob seine Unstimmigkeit mit bestimmten Fakten nachgewiesen wurde oder auch nicht – ein Mythos lebt so lange, wie lange es Menschen gibt, die an ihn glauben. Solange die Überzeugung siegt, dass Makryna eine Märtyrerin war, dass Mickiewicz ein Mädchen Namens Maryla Wereszczakówna verehrte, solange wird es diese Mythen geben. Was nützt die Gewissheit, dass Markryna eine Lügnerin und Maryla bereits nach dem Ehemann Puttkamer hieß und wie man vermutet, ihren Mann gewiss auch körperlich betrog? Generationen von Literaturwissenschaftlern haben eine Schweißarbeit geleistet, um diese Mythen zu konstruieren.

MW: Würden Sie behaupten, dass politische Überzeugungen einen Einfluss auf literarisches Schaffen besitzen?

JD: Sie würden sicherlich einen Einfluss haben, sobald der Autor publizistische, politisch engagierte Texte verfasst. Aber meiner Meinung nach, ist so ein Verfahren der Literatur gar nicht dienlich. Ich denke, dass es eigentlich anders ist: Viel hängt davon ab, welche Werte wir vertreten. Falls wir so vorgehen, dass wir unseren Werten folgen, werden wir auch Werte bestimmter Parteien unterstützen, weil die eine oder die andere Partei unsere Wertvorstellung an besten vertritt. Gleichermaßen nimmt das literarische Schreiben in derselben Wertvorstellung seinen Ursprung.

MW: Würden Sie der Behauptung zustimmen, dass der polnische Literatur-Markt politisch ist?

JD: Ich würde sagen, es gibt rechte Autoren, wie beispielsweise Wojciech Wencel, der die Meinung vertritt, dass das Dichten und das Betreiben anderer traditioneller Schreibtechniken immer in Verbindung mit konservativer Weltanschauung auftreten. Oder auch Jarosław Marek Rymkiewicz, der offen zugibt, dass seine Literatur im Dienste rechter Ideologie steht. Es gibt auch linke Autoren, die sich sehr für ihre Sache engagieren. Aber sowohl die ersten als auch die zweiten bilden nur eine marginale Erscheinung in dem polnischen Literaturleben. Zugegeben, Autoren ergreifen Wort bei der einen oder der anderen gewichtigen Debatten und positionieren sich, nicht selten auch eben politisch.

MW: Es gibt genügend Untersuchungen, die beweisen, dass Vergangenheit nur bedingt zu rekonstruieren ist. So müssen wir von der Prämisse ausgehen, dass die Vergangenheit stets konstruiert wird und aus der Sicht der Jetztzeit, der Gegenwart erinnert wird. Wie stehen Sie zu diesem Sachverhalt und wie können Sie dies produktiv für Ihr Schreiben nutzen?

JD: Fiktion, Erdachtes, Erlogenes stellen einen wichtigen Bestandteil aller Werke, die ich verfasste – das Erraten aber auch das Ausdenken von Antworten sind die Kernpunkte von „Fotoplastikon”, einem Fragenkatalog an Fotografen; „Kosmografia” wie auch den Feuilletons aus „Musik in der Stadt“, die ich hoffe bald zu publizieren. Es sind Texte, in denen ich gezielt verschiedene Phantasmen, Spuren, Halbwahrheiten, unwahre, konstruierte Apokryphen verwende. „Saturn” erzählt über die Täuschung, deren Kern das Berauben der Autorschaft der „Schwarzen Bilder“, die eigentlich von Javier Goya stammen, in Mutter Makryna” wird über eine notorische Lügnerin erzählt, die indem sie lügt, eigentlich die Wahrheit sagt, die sonst unsagbar bleiben würde. Sogar „Lala” greift die Themen an, was ist eine oral history und welche Fallen stellt sie auf.

MW: Sie entscheiden sich stets beim Schreiben Ihren Romanen für das Einsetzten eines Icherzählers.

JD: Ja, weil diese Technik mir z um einen die Gelegenheit zur Entwicklung einer bunten und überzeugenden Sprache gibt– jede der drei Figuren in „Saturn” spricht ganz anders. Darin werden ihre unterschiedlichen Charaktere sichtbar. Die Sprache in Mutter Makryna” möchte ich gerne als bescheidenes Denkmal des Polnischen aus dem 19. Jahrhundert, der Sprache der Grenzgebiete, die von dem Litauischen, Russischen, Weissrussischen, Jüdischen und Lateinischen stark geprägt ist, sehen, für die Sprache der polnischen Eliten im Exil ist bezeichnend, dass sie stark mit französischen und italienischen Phrasen versetzt wird. Auch „Lala” lässt sich in diesen Kategorien lesen, der Roman gibt Zeugnis über das Polnische der Bildungsschicht der Zwischenkriegsjahre. Es war die Sprache meiner Kindheit, sozusagen es war meine erste Sprache überhaupt, heute stirbt diese Sprache zusammen mit der Generation, die sie gesprochen hatte, aus. Zugunterletzt äußert sich die Titelfigur des Romans „Krivoklata” in der Ausdrucksform der Figuren von Thomas Bernhard, also einer irrsinnigen, obsessiven Sprache. Mich interessieren meine Figuren, durch die Gestaltung ihrer Sprache, dieser gesprochenen, aber auch der gedachten, komme ich an die Figuren sehr nah ran, analysiere ihr Bewusstsein, führe sie unmittelbar dem Leser vor.

MW: Warum fanden Sie es interessant sich mit der weiblichen Figur Irina Wińczowa literarisch auseinanderzusetzen?

JD: Wińczowa – falls sie wirklich so hieß, wir bewegen uns hier nur im Kreis der Mutmaßungen des Pfarrers Urban, der als erster Mutter Makryna demaskierte – ist eine Figur, die mich in vielerlei Hinsicht fasziniert. Zum einen aus der Sicht polnischer Kultur, denn ihr wurde eine bedeutende Rolle in den Kreisen der polnischen Romantik und der Großen Emigration zugeschrieben, auf sie haben Norwid und Krasiński in ihren literarischen Texten Bezug genommen, sie inspirierte Słowacki und stritt mit Mickiewicz. Über all dies geben Dokumente, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen Auskunft. Zum anderen ist es interessant sich der Figur aus dem Standpunkt der Gesellschaftsgeschichte zu nähern, die von ihr kreierte Persona, also eine von den Russen geschändete, geschmähte Oberin, fügte sich in optima forma in die emotionalen Bedürfnisse polnischer Exilanten in Paris ein: Verletzte, Verwundete, Mutter, sogar fürsorgende Mutter Gottes, Frau, aber geheiligt, rein, misshandelt für den Glauben und das Polentum. Wińczowa war wie ein Seismograph, der die leisesten Regungen der polnischen „kollektiven Seele“ im Exil wahrnahm. Und als Person, die sich über große emotionale Intuition und Fähigkeiten zur Manipulation auszeichnete, konnte sie beispielhaft diese Bedürfnisse ausspielen. Zum dritten hat mich ihre erstaunliche psychologische Konstruktion fasziniert: Wir wissen heute nicht, ob sie bewusst log, oder ob sie in irgendeinem Moment ihres Leben an die selbsterdachte Geschichte glaubte. Sie war unstrittig außergewöhnlich intelligent, obwohl peinlich ungebildet, konnte kaum schreiben, aber sie besaß ein großes erzählerisches Talent und die Fähigkeit eigenartige Bilder und Metaphern entstehen zu lassen. Und weil sie die traumatische der jahrelange häusliche Gewalt, die an ihr ausgeübt wurde, niemanden anvertrauen konnte, erfand sie eine Geschichte, die sie als produktive Form der Autotherapie einsetzen konnte. Zudem erlangte sie dank ihrer Erzählungen eine wichtige Position. Eine faszinierende Persönlichkeit!

MW: Inwiefern bildet die Erinnerung an die Vergangenheit die Ereignisse der Vergangenheit ab, denn das Erinnern findet immer aus der heutigen Perspektive statt.

JD: Die Vergangenheit hat immer nur eine Fassung, während die Erinnerung sie mannigfaltig einspeichert, wie in dem Gedicht über Blinde, die die unterschiedlichen Teile eines Elefanten betasten und Folgendes feststellen: Es sieht wie ein Stamm oder eine Liane aus, abhängig davon, was sie grade anfassten. Diese Auffassungen müssen nicht unbedingt falsch sein, aber sie bleiben immer bruchstückhaft das liegt nicht wirklich an der Perspektive von heute, sondern der von damals: Wir sehen nur einen Ausschnitt der Welt und das was sich unserer Wahrnehmung entzieht, ergänzen wir selbst und schlussendlich nehmen wir das als Konstante in unserer Erinnerung, dies wird über die weißen Flecken des Nicht-Gedächtnisses, des gezielten Beschwindelns, der Verdrehung von Fakten, weil nicht jeder, der erinnert, lautere Ansichten vertritt … Und daraus ergibt sich das, was wir Weltgeschichte nennen.

MW. Weil „Lala“ auch autobiographisch zu lesen ist, stellt sich für mich die Frage nach Fakten und Fiktionen in dem Roman. Inwiefern sind die Erinnerungen der Oma an faktuale und an fiktive Ereignissen gebunden.

JD: Sie sind insofern Fakt, dass sie die authentischen Erzählungen meiner Oma widerspiegeln. Oder auch Erzählungen über die Oma. Natürlich ist die Geschichte vom Treffen des fünfjährigen Jacuś mit der Kaiserin von Frankreich, Eugénie erdacht. Nun aber kommt es aus der Struktur des Romans hervor, denn einen wichtigen Schwerpunkt bildet das sich stets entwickelte emotionale Bewusstsein von Jacuś: von einem schwindelndem Kleinkind, über einen exaltierten Jugendlichen bis hin zu einem auf Distanz gehenden Erwachsenen. Irgendwie musste diese Entwicklung und Veränderung dargestellt werden. Nota bene, die Kaiserin Eugénie reiste in späteren Alter, nach dem Tod von Napoleon III. in Europa, lernte viele Menschen kennen, unter anderem auch berühmte Schriftsteller, die zu dieser Zeit noch Kinder warten: di Lampedusa, Gide, Proust, die auf diese Treffen in ihren Texten gerne zurück kamen. Da dachte ich, eine Anspielung auf diese Überlieferungen könnte scherzhaft wirken.

Bei der Frage nach dem Fakt und der Fiktion in der Erzählung der Oma geht es weniger um das Erdachte, aber viel mehr um das Unzuverlässige der Erinnerung. Nachdem mein Roman erschienen war, schrieb Paweł Dunin-Wąsowicz, dass es in Kielce nie eine Tram gegeben hat, in meinem Text aber fahren Margerytka Rommlówna und die Oma mit der Straßenbahn. Tatsächlich. Entweder hat sie es falsch in der Erinnerung, und es gab einen Bus, oder Pferde Omnibus, oder noch etwas anderes, oder erinnere ich es falsch. Und was jetzt? Nichts. Es bleibt so; In der Geschichte über Margerytka Rommlówa wird es immer eine Straßenbahn geben. Ein anderes Mal schrieb mir eine jüdische Familie des Doktors, der in meinem Roman „Lala“ zu einer Figur wurde, einen Brief, in dem sie mir mitteilten, dass ihr Verwandter kein Jude war und sie verstehen meine Worte als Verleumdung und verlangen, dass der Roman eingestampft wird. Zur Ergänzung ist es wichtig zu sagen, dass ich einige Namen in meinem Roman verändert habe, aber dieses Verfahren bezog sich nur Halunken, Kanaillen und Bösewichte aller Art, während die, die nichts böses getan haben, haben das Recht auf Erinnerung. Die Forderung war natürlich absurd, aber in den nachfolgenden Auflagen haben wir den Namen verändert – allerdings weiß ich immer noch nicht ob es falsche Erinnerung war und das Ergebnis eines irreführenden Informationsaustausches in Zeiten des Krieges, oder Wahrheit, die massiv geleugnet wird.

 

 

 

(Übersetzt von Monika Wolting)

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