mit Tilman Rammstedt

Gespräch

Literatur als Spielwiese

Ein Gespräch mit dem Autor Tilman Rammstedt über den Ernst komischer Literatur

Von Monika WoltingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Wolting

Veröffentlicht in: Literaturkritik.de 10. Oktober 2016

Monika Wolting: Ist Ihrer Meinung nach Literatur ein Gedankenspiel oder ist es eine ernsthafte Beschäftigung mit der wirklichen Wirklichkeit.

Tilman Rammstedt: Ich glaube, dass beides sich nicht ausschließt. Spiele sind etwas sehr ernstes, sie gehören zu den sinnvollsten Betätigungen des Menschen. Jedes Kind spielt, um sich die Welt über das Spiel verständlich zu machen, greifbar zu machen und vor allem seine Möglichkeiten in einem geschützten Raum auszutesten. So ist auch Literatur ein geschützter Raum, steht als das Paradebeispiel für die Möglichkeiten, die das Leben bietet und deswegen finde ich, dass jede Form von Gedanken ein Spiel ist. Auch jede Literatur ist eine Form von Gedankenspiel. Bei mir nimmt das Spielerische vielleicht einen etwas größeren Raum ein als in anderen Formen von Literatur. Aber bei all dem nehme ich meine Inhalte, meine Figuren sehr ernst – alles andere gehört sich auch nicht. So wie man auch Spiele ernst nehmen sollte. Und damit meine ich nicht Verbissenheit oder falschen Ehrgeiz: man muss sie als Spiel ernst nehmen.

Monika Wolting: Herr Rammstedt, ich würde gerne mit Ihrem Projekt Morgen mehr anfangen. Das Projekt lief Anfang des Jahres 2016 in der Zusammenarbeit mit dem Hanser Verlag an. Ihre Aufgabe war innerhalb von drei Monaten einen Roman in der Öffentlichkeit des Internets zu schreiben, jeden Tag veröffentlichten Sie als Text und als Lesung zwei bis fünf Seiten Ihres Buchs im Internet. Die Leser hatten die Möglichkeit darauf mit Kommentaren zu reagieren. War es das Ziel des Projekts durch das Medium Internet eine interaktive Zusammenarbeit zwischen Autor und seinem Publikum herzustellen?

Tilman Rammstedt: Vor dem Wort „interaktiv“ habe ich große Angst. Es gab in der Frühphase des Internets, sobald es außerhalb der wissenschaftlichen Kommunikation auftauchte, diverse Versuche, interaktive Literatur zu schaffen. Heute wissen wir, dass die meisten Experimente dieser Art eher unbefriedigend ausfielen. Eine solch naive Form der Interaktion erscheint mir einerseits anbiedernd, andererseits schlicht faul. Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass ich der allein verantwortliche Autor meiner Bücher bin – im Guten und Schlechten. Ich wollte also keinen Roman gemeinsam mit den Lesern schreiben, was nicht bedeutet, dass die Leser keinen Einfluss hatten. Es gab jeden Tag haufenweise Kommentare – von Lob und Kritik über Mutmaßungen, was die weitere Handlung betrifft, bis zu freien Assoziationen: eigene Gedichte der Leser, die Bezug auf das Kapitel nehmen, Erinnerungen, sogar ein Soundtrack. Und natürlich bildet sich innerhalb dieser Kommentare eine Atmosphäre, die wiederum Einfluss auf das hat, was und wie ich schreibe.

Monika Wolting: Können die Verlage durch solche Maßnahmen neues Lesepublikum gewinnen?

Tilman Rammstedt: Das glaube ich nicht. Kaum jemand, der nicht ohnehin schon liest, würde einen Fortsetzungsroman abonnieren. Ich kann und will auch nicht für die Verlage sprechen. Mich interessiert aber immer die Frage, was Literatur alles kann. Und das kann man ja nicht nur inhaltlich und formal ausloten, sondern auch in der Art ihrer Verbreitung.

Monika Wolting: Wie ist Ihre Einschätzung der Arbeit im Nachhinein?

Tilman Rammstedt: Einen Roman in drei Monaten zu schreiben – ohne Plan, ohne Skizzen, ohne Vorbereitung – war ein zweiteiliges Experiment. Der erste Teil war ganz egoistisch und eher therapeutischer Natur: Ich wolle schauen, wie es ist, wenn ich zum Schreiben gezwungen werde. Tag für Tag, ohne die Möglichkeit, mich den Zweifeln ausgiebig hinzugeben, ohne die Möglichkeit, mich im Nachhinein umzuentscheiden, ohne die sich als Perfektionismus tarnende Verzweiflung. Es fällt mir immer noch schwer, diesen Aspekt zu bewerten: Ich fand den Druck bedrängender als vorgestellt, und trotz täglichem Abliefern des Tageskapitels stellte sich in all der Zeit nicht die leiseste Routine bei mir ein. Es war jeden Tag ein neuer Kampf gegen die Ideenlosigkeit, die Zweifel und die Fluchtreflexe.

Der zweite Ansatz war dann eher literarisch: Was für ein Buch entsteht unter diesen Bedingungen? Es ist ja ein Roman, der nur eine Richtung kennt: immer weiter, immer nach vorn. Und es ist ein Roman, der sich selbst andauernd aus der Patsche helfen muss. Jede metaphorische Mauer, gegen die ich in der Erzählung rannte, musste ich ja schleunigst einreißen, überspringen oder zumindest so bunt anmalen, dass sie gar nicht mehr als Mauer wahrgenommen werden würde. Es konnte und sollte also ein Buch werden, was ich unter keinen anderen Umständen geschrieben hätte. Ein Buch, dem man das Spielerische anmerken soll.

Monika Wolting: Ende Juli wird der Roman Morgen mehr bei Hanser Verlag veröffentlicht. Inwiefern ist diese Fassung anders als die aus dem Internetprojekt?

Tilman Rammstedt: Ich habe einige Kapitel ausgetauscht, ein paar Stränge geglättet, ein paar der billigen Pointen gegen etwas teurere ausgetauscht und umgekehrt. Aber im Ganzen habe ich sehr wenig geändert. Das erschien auch unmöglich, dann hätte ich ein ganz neues Buch schreiben müssen.

Monika Wolting: Es ist ein höchst komischer Text geworden. Wie soll man, oder in diesem Moment soll ich, als Literaturwissenschaftlerin, mit so einem Text umgehen, um nicht in die Gefahr zu kommen, ihn interpretatorisch zu überhöhen?

Tilman Rammstedt: Warum sollte man komische Texte nicht interpretieren? Ich meine meinen Humor schließlich ungeheuer ernst.

Monika Wolting: Humor und junge Menschen sind zwei Elemente, die in keinem Ihrer Texte fehlen. Sie schreiben in dem Debütroman von 2003 Erledigungen vor der Feier von Menschen, die sich aufs Leben vorbereiten, auf „die Feier“. Die Vorbereitungen sind mühsam, das Leben bruchstückhaft. Warum gelingt es Ihren hauptsächlich jungen Figuren kein Leben, das sie sich eigentlich wünschen?

Tilman Rammstedt: Ich glaube, dass es ihnen auf eine gewisse Art auch gelingt, den eigenen Weg zu finden. In einem bestimmten Alter gehört es dazu, dass vieles nicht gelingt, dass die Sehnsucht, nach was auch immer, auf gar keinem Fall erfüllt wird, erfüllt sein darf. Die titelgebende „Feier“ ist die Sehnsucht, die man haben muss, um die eigene Gegenwart stets mit ihr zu vergleichen und an ihr zu messen. Die Sehnsucht soll immer der Gegenwart vorauseilen. Eine stete Erfüllung der Sehnsüchte brächte etwas Grauenhaftes mich sich. Es geht also stets darum, die Möglichkeiten offen zu lassen, leuchten zu lassen und sich irgendwo zwischen der Realität und der Wunschvorstellung zu bewegen. Ich glaube, dass es meinen Protagonisten in „Erledigungen vor der Feier“ eigentlich ganz gut geht, auch wenn sie das natürlich nie zugeben wollen.

Monika Wolting: Ihre Figuren stellen Sie oft vor die Frage „Wie soll es denn weitergehen?“. An dieser Frage scheinen die meisten zu scheitern. Warum ist es für Sie interessant, die Figuren gerade an diesem Punkt, an dieser Grenze zu beschreiben?

Tilman Rammstedt: Grenzen bemerkt man ja meist erst, wenn sie schon längst überschritten sind. Und oft werden sie auch dann erst gezogen. Die meisten Entscheidungen werden unbewusst getroffen, und erst im Rückblick setzt man dann die Wendepunkte, die Grenzlinien, bestimmt die angeblichen Entscheidungsmomente. Es sind also sehr seltene und darin vielleicht kostbare Momente, wenn wir tatsächlich mal an einer Grenze stehen. Warum das in meiner Literatur ein häufiges Thema ist, hat aber sicherlich auch den Grund darin, dass die Vorstellung „wie soll es weitergehen?“ eine urliterarische Vorstellung ist. Es liegt in dem Sinn der Literatur, dass „man sich vorstellt“, wie alles werden wird. Das ist der Kern der Literatur, des literarischen Schreibens, dass man sich ein Leben vorstellt, ausmalt. Deswegen ist es für mich auch besonders schön, über diese Figuren zu schreiben, sie zu beschreiben, weil sie darin selber Literaten, Schöpfer sind.

Monika Wolting: Während der Lektüre Ihrer Texte begleitet mich stets der Gedanke, dass sich Ihre jungen Figuren der Herausforderung „Sich-entscheiden-zu müssen“ nicht gerne stellen. Stehen den Protagonisten zu viele Möglichkeiten zur Verfügung?

Tilman Rammstedt: Nein. Sie haben lediglich zu viel Fantasie, um sich nicht das Katastrophale am Ende jeder einzelnen Entscheidung ausmalen zu können.

Monika Wolting: Dieser Band setzt sich aus einer ganzen Reihe von kleinen Miniaturen, impressionistischen Einblicken in das Leben junger Menschen, die ihr Leben nicht so ganz im Griff haben. Würde ich Ihrem Schreiben näher kommen, wenn ich behaupten würde, dass sich das Wesen des Menschen am besten in der Flüchtigkeit des Augenblicks manifestiert?

Tilman Rammstedt: Das dachte ich damals jedenfalls, als ich diesen Band schrieb. Ich hielt Romane für falsch. Mittlerweile schreibe ich fast nur noch Romane. Aber nicht, weil ich sie für richtig halte. Mich interessiert diese Art von Realismus einfach meistens nicht mehr so sehr. Obwohl er mich immer wieder reizt. Vielleicht schreibe ich also bald wieder einen Band mit Miniaturen.

Monika Wolting: Hinter der Leichtigkeit des Schreibens verbergen Sie Lebensschicksale, -krisen und -tragödien. Würden Sie mir folgen, würde ich behaupten, darin liegt der aufstörende Charakter Ihrer Texte, gerade in dem Wechselspiel von leicht, unterhaltsam und dem Ernst des Lebens.

Tilman Rammstedt: Ich traue Literatur am meisten, wenn sie gratwandert. Wenn sie etwas Schweres leicht erzählt, und dem Leichten den notwendigen Ernst verleiht.

Monika Wolting: Für den Roman Der Kaiser von China erhielten sie den wichtigen Literaturpreis, den Ingeborg-Bachmann-Preis. In der Diskussion nach Ihrer Lesung wurde von einer Darstellung einer Konkurrenz zwischen dem Enkelsohn und dem Großvater gesprochen. Nun aber, wie ist es, warum konkurrieren die beiden miteinander?

Tilman Rammstedt: Der Großvater, der eine etwas unklare Position einnimmt, denn er könnte ja auch der Vater sein, ist eine sehr dominierende Figur. Auch die weiteren Familienbeziehungen werden nicht abschließend geklärt: wer die Geschwister sind, von welchen Müttern sie kommen, es sind alles mysteriöse Figuren. Der Erzähler hat seit frühster Kindheit in dieser Konstellation gewohnt und er hinterfragt nichts. Aber der Großvater ist nicht nur dominant, er ist auch noch ein sehr gewandter und lebenslustiger Mann. Der Erzähler ist der erklärte Lieblingsenkel, was aber mehr Nach- als Vorteile für ihn hat. Er kam nie richtig zum Atmen, er konnte nie das tun, was er wollte, und er hat es unterlassen, sich irgendwann richtig gegen den Großvater aufzulehnen. Die ganze Beziehung zu ihm ist voller Schuld.

Im Roman spendet der Enkel dem Großvater die Lebensenergie. Im Gegensatz zur Idealvorstellung, dass die scheidende Generation der jüngeren Platz macht, beansprucht der Großvater immer mehr Platz für sich. Er isst seinem Enkel das Essen weg, er spannt ihm die Frauen aus, und so weiter. Das ist das Generationenproblem, das diesen Roman den Rahmen gibt.

Monika Wolting: Der Opa ist in Ihrem Text „nicht tot zu kriegen“, auch nicht wenn er schon bereits tot ist. So wirft sich die Frage auf, wer wollte es eigentlich, dass der Großvater so lebendig erscheint? Ist diese Überzeugung von der übertriebenen Vitalität des Großvaters nicht nur eine Wunschvorstellung oder auch Deutung des Icherzählers, der nicht unbedingt ein glaubwürdiger Erzähler sein muss.

Tilman Rammstedt: Ja, es ist schon entscheidend, dass der Großvater nur aus der Sicht des Enkels beschrieben wird und auf so eine zugespitzte Art, dass der Leser berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Erzählers bekommt. Allerdings gibt es keine Zweifel an der Verfassung des Erzählers. Er ist aufgebracht. Er trauert. Er ist voller Schuld. Er ist wütend.

Mit dem Tod des Großvaters ist auf einmal das große Hindernis im Leben des Erzählers verschwunden. Und plötzlich ist da so viel Raum, mit dem man erst umgehen lernen muss, sich darin finden muss. Ein Großteil dieses Romans sind Briefe, die der Erzähler an seine Geschwister schreibt über die vermeintliche Reise nach China mit dem Großvater. Diese Briefe sind ein Versuch, von dem Großvater Abschied zu nehmen, sich mit ihm zu versöhnen, sein Leben so zu erklären, dass er dann am Ende auch tot sein kann. Das ist eigentlich die Hauptbewegung des Romans.

Monika Wolting: Sie mögen Ihre Figuren, auch ihre Unzulänglichkeiten beschreiben sie liebevoll. Ist das das Anliegen Ihres Schreibens, der von Kritiklust übervollen Welt, einen Gegenentwurf zu setzen?

Tilman Rammstedt: Kein direkter Gegenentwurf. Aber ich schreibe keine Bücher, um irgendjemanden vorzuführen. Ich kann die meisten schlechten Eigenschaften gut nachvollziehen. Wahrscheinlich, weil ich die meisten selbst besitze. Und im Scheitern werden Figuren ja auch besonders greifbar.

Monika Wolting: Ihre Texte haben einen bestimmten Ton, arbeiten Sie lange daran oder denken Sie bereits in diesem bestimmten Staccato?

Tilman Rammstedt: Der Grundton ist da. Aber dann überarbeite ich immer wieder, um die richtige Melodie zu finden. Ich lese mir den Text laut vor und füge oft Wörter ein oder streiche sie, um dieser Melodie zu genügen.

Monika Wolting: Wie wird aus Realität, vielleicht auch aus Erfahrung Literatur?

Tilman Rammstedt: Mich interessiert vielmehr, wie aus Literatur Realität wird. Dass man mit dem Aneinanderreihen von Worten erreichen kann, dass Leser mitfühlen, weinen, lachen, gespannt sind, wütend, gerührt oder erregt, ist für mich nach wie vor unglaublich.

Monika Wolting: Warum interessieren Sie sich für gewöhnliche Dinge des Lebens?

Tilman Rammstedt: Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, was die ungewöhnlichen Dinge des Lebens sind.

Monika Wolting: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch wurde am 10. Juni 2016 im Pop Up Pavillon des Goethe Instituts Krakau anlässlich der Feierlichkeiten zur Europäischen Kulturhauptstadt Wrocław geführt.

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