Spurensuche und Zeitgenossenschaft

Erzählen zwischen geschichtlicher Spurensuche und Zeitgenossenschaft

Hg. v. Edward Bialek und Monika Wolting Dresden: Neisse-Verlag 2015

„Wer friert uns diesen Moment ein?“, singt 2014 Andreas Bourani auf allen Radio- und Fernsehkanälen, in allen Clubs und in Biergärten. Das Bedürfnis, dass Momente, Ereignisse, Empfindungen festgehalten werden, scheint in der heutigen Gesellschaft groß zu sein. Gerade das Festhalten, Konservieren, Gestalten und Zurechtschneiden von der Gegenwart und das Erinnern an das Vergangene, das Erlebte, das Gedachte oder nur das Gewünschte aus der aktuellen Perspektive bilden die Säulen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Die Literatur ist naturgemäß ein Medium der Erinnerung, sie beschreibt das gerade oder das schon länger Vergangene. Sie erhebt auf der Themen-ebene keinen Anspruch auf Aktualität und Gegenwartsbezug. Das Erzählen in der Literatur findet aber immer aus der zeitgenössischen Perspektive der Autoren, unter Rückgriff auf gegenwärtige Wertesysteme, unter Bezug auf aktuelle Mainstreams statt.

Hinter den erzählten Geschichten der weiter entrückten oder näher liegenden Vergangenheit verstecken sich gegenwärtige Denkstrukturen, Denkmuster und Denkfiguren. Die histoire-Ebene und die discours-Ebene des literarischen Textes müssen nicht derselben Epoche angehören und dennoch „frieren sie den [gegenwärtigen] Moment ein“, den gegenwärtigen Blickwinkel der Autoren, spiegeln den augenblicklichen Willen der Gesellschaft wieder, erörtern die strukturellen Kern-punkte aktueller öffentlicher Debatten.
Seit der Blütezeit der POP-Literatur feiert das Publikum eine „neue Lust am Erzählen“ der Autoren ebenso wie das „vitale Interesse am Erzählen, an guten Geschichten und wacher Weltwahrnehmung“. 2005 formulierten Martin R. Dean, Thomas Hettche, Matthias Politycki und Michael Schindhelm in Die Zeit ein Manifest „Was soll der Roman?“. Sie forderten eine „Gratwanderung zwischen dem, was das Erzählen aus der Mitte erlebten Lebens heraus seit je einzig angemessen [ist], und dem, was von der einstigen Avantgarde als Kunstfertigkeit übrig geblieben ist. Moralisch gesprochen: die beständige Sichtung unsrer unter-gehenden Welt und das Ringen um neue Utopien.“

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„Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre“ von Carsten Gansel

Mit Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre ist Carsten Gansel eine augenöffnende biographische Spurensuche gelungen. Er fand bislang gänzlich unbekannte Dokumente, Fotos aus Kriegsgefangenenlagern und unveröffentlichte Texte Preußlers und zeichnet das bewegende Bild eines Autors, dessen Lebensgeschichte auf existenzielle Weise mit den Zeitläufen des 20. Jahrhunderts verwoben ist. …

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1968 – Ost – West — Deutsch-deutsche Kultur-Geschichten

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Schreiben, Text, Autorschaft II

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